Autotest

David gegen Goliath

Treffen der Extreme: Der Elektro-Zwerg Citroën Ami und das Luxus-SUV Bentley Bentayga V8. Minimalismus oder Hedonismus. Im SN-Test prallen automobile Welten aufeinander.

Der Kontrast könnte kaum größer sein. Binnen 24 Stunden fahren wir in Berlin Citroëns neues Micro-Stadtauto Ami und am Starnberger See die Neuauflage von Bentleys Überdrüber-SUV Bentayga. Auf der einen Seite ein rein elektrisch angetriebenes Leichtfahrzeug im Würfel-Design mit 8 PS, das Teenager schon bald ab 15 mit dem Mopedführerschein und zu Leasingraten von 19,99 Euro fahren können. Auf der anderen Seite der Inbegriff des automobilen Luxus und blechgewordenes Feindbild der Generation Greta, der Bentley Bentayga V8.

Letzterer ist nicht nur sieben Mal schwerer als sein Gegenüber, sondern auch 40 Mal teurer. Wie viel größer der ökologische Fußabdruck des Luxus-SUVs ausfällt, kann ohnehin kaum beziffert werden. Andererseits: Wartet die von Citroën adressierte, junge und autoskeptische Zielgruppe in den staugeplagten Großstädten ausgerechnet auf ein Mini-Auto, bei dem man auf den ersten Blick hinten und vorn nicht unterscheiden kann?

Citroën Ami

Zunächst zum Citroën: Die Macher des Ami legen großen Wert darauf, mit dem 2,41 Meter kurzen und 1,39 Meter schmalen Gefährt nicht in Wettbewerb mit den knatternden Kleinstautos von Ligier oder Aixam treten zu wollen. Stattdessen werden ausdrücklich Jugendliche und Senioren angesprochen, die eine wetterfeste und bewusst cool designte Alternative zu Fahrrad, Moped oder eben öffentlichen Verkehrsmitteln suchen. In Frankreich kostet der Ami 6900 Euro, ab 19,90 Euro kann er zudem günstigst geleast werden. Diese Preise darf man auch für den geplanten Marktstart in Österreich ab 2021 erwarten. Im Gegenzug bekommt man ein Verkehrsmittel, das definitiv auffällt. Um den Ami erschwinglich zu machen, sind möglichst viele Teile baugleich: Front und Heck unterscheiden sich nur durch die Beleuchtung, ebenso die Türen, von denen die linke hinten und die rechte vorn angeschlagen sind. Generell dient der Ami als Beweis, dass sich smarte Lösungen und ein auf extremen Minimalismus getrimmtes Konzept nicht ausschließen. Im Gegenteil - Schlaufen statt Türöffner oder die seitlich aufschwingenden Klappfenster à la 2CV zitieren einerseits die Vergangenheit, gehen aber ebenso als zukunftsweisender Pragmatismus durch.

Das Gegenteil von Luxus sind neben dem Federungs- und Sitzkomfort auch Motorisierung und Reichweite: Gerade einmal 8 PS beschleunigen den Ami auf maximal 45 km/h, unter Optimalbedingungen soll die Reichweite bis zu 75 Kilometer betragen. Kein Problem, schließlich lässt sich der Zwerg binnen drei Stunden an jeder Haushaltssteckdose wieder aufladen.

Bentley Bentayga V8

In einer gänzlich anderen Welt findet man sich im Bentley wieder. Der doppelt turbogeladene Vierliter-Benziner beschleunigt das 3,2 Tonnen schwere SUV in 9,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h - dabei ist der V8 die kleinste Motorisierung, wie man bei Bentley betont. Neben dem Topmodell W12-Speed soll auch ein Plug-in-Hybrid noch in diesem Jahr folgen. Ebenso beeindruckend ist die aktive elektrische Wankstabilisierung, die den Seitenneigungskräften bei Kurvenfahrten unmittelbar entgegenwirkt. Tatsächlich fühlt sich der Bentayga beim Fahren viel leichter und agiler an, als man es von so einem Schiff erwarten würde. Doch in diesen Sphären geht es ohnehin nicht primär um überirdische Fahrleistungen (diese werden von der Klientel als selbstverständlich vorausgesetzt). Vielmehr stehen Luxus, Verarbeitungsqualität und Design im Vordergrund. Als erster Luxus-Hersteller baute Bentley mit dem Bentayga 2015 ein SUV, die Neuauflage von 2020 legt in jedem Bereich noch ein Schipperl obendrauf: ob bei den mit Leder bezogenen Komfortsitzen samt Massagefunktion; den integrierten Luftionisatoren, die mit negativ geladenen Partikeln die Atemluft säubern; den Matrix-Scheinwerfern aus insgesamt 82 LEDs - oder den 22 beheizten Waschdüsen auf jedem Scheibenwischer.

Im Test: Citroën Ami & Bentley Bentayga V8

Test Citroën Ami Bentley Bentayga V8
Allgemein Vierrädriges Leichtfahrzeug (Führerscheinklasse AM), zwei Sitze, Elektromotor mit 6 kW/8 PS, Ein-Gang-Getriebe, Gewicht 471 kg (inkl. Batterie), Lithium-Ionen-Akku mit 5,5 kWh, Reichweite 75 km, Verbrauch 118 Wh/km, Preis 6900 Euro. Luxus-SUV, fünf Sitze, V8-Benziner mit Doppelturboaufladung, 404 kW/550 PS, Allradantrieb, 8-Gang-Automatik, 3250 kg, Verbrauch 13,3 l, CO2: 302 g/km, Reichweite 639 km, Preis 244.900 Euro.
Was gefällt Das radikale Weglassen Wenn schon angeben, dann mit Stil
Was weniger gefällt Der Ami macht Fußgänger, Radfahrer und Öffi-Nutzer zu Autofahrern Der massive ökologische Fußabdruck der Upper-Class
Was überrascht Wie cool Minimalismus sein kann Wie uncool Luxus heutzutage schon ist
Perfekt für Pragmatische Mobilitätsdienstnehmer Englischen Landadel, gelangweilte Profifußballer oder Erdölquellen-Besitzer
Quelle: SN

Aufgerufen am 27.10.2020 um 03:35 auf https://motor.sn.at/autotest/david-gegen-goliath-93534757

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