Autotest

Der Starkstromer Volvo C40 Twin Pro

Volvo rührt mit seinem ersten vollelektrischen Crossover kräftig um. Die in ihm schlummernde Brachialgewalt sieht man dem C40 nicht an.

Kräftiger Elektro-Schwede: der Volvo C40 Twin Pro. Behr SN/behr
Kräftiger Elektro-Schwede: der Volvo C40 Twin Pro. Behr

Dieses Auto beweist einmal mehr: Sich ein Elektroauto zulegen und dann geht es mit der Mobilität so wie beim mittlerweile bösen alten Verbrenner weiter, das spielt es nicht. Auf dem Papier sieht es beim C40 grandios aus. Aber Theorie und Praxis sind auch bei Volvos erstem vollelektrischen Crossover so verschieden wie Winterschuhe und Sandalen.

Vernunft walten lassen, dann passt es auch mit der Reichweite

Satte 408 PS Systemleistung und eine Normreichweite von 444 Kilometern sind ebenso verlockend wie die 28 Minuten Ladezeit für 80 Prozent der Kapazität. Ist damit das ersehnte vollelektrische Kraftpaket für die Langstrecke ohne ermüdende und zeitraubende Zwangspausen auf dem Markt? Wer die schlummernde Brachialgewalt voll motiviert abruft, wird allerdings bald Probleme mit der Reichweite bekommen. Dann kann es abseits der Hauptrouten schwierig werden, eine Schnellladestation mit 150 kW zu finden. Das Laden an einfachen Säulen kann zur stundenlangen Geduldsprobe ausarten.

Oberstes Gebot am Steuer des markant, aber nicht der Kraftfülle entsprechend gestylten C40 lautet daher: den angebotenen Reizen immer nur für kurze Zeit erliegen und ansonsten Vernunft walten lassen. Nebenbei wirkt sich das auch auf die Verkehrssicherheit aus. Eine Beschleunigung von 4,7 Sekunden von null auf 100 km/h ist schließlich nicht mit allen Straßenverhältnissen kompatibel. Wer wissen will, was in den beiden Elektromotoren inklusive Allradantrieb steckt, wird gnadenlos in den bequemen Sitz gepresst. Fährt wer mit, sollte Vorwarnung gegeben werden. Apropos Sitze: Fühlt sich etwas wie Leder an, dann ist es trotzdem keines. Volvo nennt die Microtech-Textilpolster vegan. Als Grundlage dienen unter anderem recycelte Kunststoffflaschen. Auch das Lenkrad ist vegan.

Anzeige "Fahrstil" wird im Betrieb zum wichtigsten Instrument

Im Fahrbetrieb wird eine auf den ersten Blick unscheinbare kleine Anzeige auf dem Display zum wichtigsten Instrument. Das Wort Fahrstil prangt da neben einem Piktogramm, das Pedal und Schuh symbolisiert. Der im alten Jargon Gasfuß genannte Körperteil spielt in diesem Auto sogar in zweifacher Hinsicht eine große Rolle. Bei hemmungslosem Niederdrücken des Pedals wechselt der blaue Bogen über dem Piktogramm bald in rötliche Bereiche. Die Botschaft: Nicht übermütig werden, sonst ist es vorbei mit der anvisierten Ankunft am Abend. Außerdem gibt es zwei Programme. Normal und Rekuperation. Ist Zweiteres, also Aufladung, aktiviert, dann reicht es, vom Pedal zu gehen und die Motorbremskraft wird so groß, dass nur noch in Ausnahmefällen das zweite Pedal zum Verzögern bis zum Stillstand verwendet werden muss.
Neu ist dieser Effekt nicht, aber er wurde zu einer erstaunlichen Reife entwickelt. Nach kurzer Gewöhnungszeit geht die Ein-Pedal-Fahrtechnik so in Fleisch und Blut über, dass sich nach der Rückkehr in ein konventionelles Auto Schreckmomente einstellen: Ich bin vom Gas, aber warum rollt der Wagen weiter und bremst nicht? Ah, Rekuperation fehlt!

Den Antriebsstrang teilt sich der C40 mit dem Polestar 2. Polestar ist die Elektromarke des chinesichen Geely-Konzerns, zu dem auch Volvo gehört. Warum die Doppelgleisigkeit? Volvo-Stammkunden soll in vertrautem Umfeld der Umstieg in die Elektromobilität erleichtert werden. Nicht nur beim Namen. So sind im Inneren des C40 die Display-Dimensionen moderater als bei einem Fahrzeug einer Stromer-Marke ausgefallen und die Lüftungsdüsen signalisieren Volvo.

Ein Überraschungsmoment gibt es beim ersten Kennenlernen: Ein Startknopf fehlt. Also reinsetzen, Hebel auf R oder D stellen und losfahren.


IM TEST



Volvo C40 Twin Pro


SUV-Coupé, zwei Elektromotoren, Systemleistung 300 kW/408 PS, Eingang-Allradantrieb, Batteriekapazität 78 kWh, Schnellaufladung (150 kW) 10 bis 80 Prozent in 28 Minuten, Station (11 kW, 3-phasig) 5:15 Stunden, Wallbox (11 kW Wechselstrom) 8:21 Stunden, Verbrauch (WLTP) 20,7 kWh/100 km, Reichweite (WLTP) 444 km, in der Praxis sehr stark vom Fahrverhalten abhängig. Preis Testwagen 64.438 Euro, Basis C40 49.958 Euro.

Was gefällt:
Volvo macht den Trend zum überdimensionierten Touchscreen-Display nicht mit.

Was weniger gefällt:
Die markant gestylte Linie schränkt die Sicht durchs Heckfenster stark ein.

Was überrascht:
Wie schnell im Rekuperationsmodus das Ein-Pedal-Fahren zur Gewohnheit wird.

Perfekt für:
Technik-Freaks, die beim Autokauf einen erweiterten finanziellen Spielraum haben.

Aufgerufen am 02.10.2022 um 12:06 auf https://motor.sn.at/autotest/der-starkstromer-volvo-c40-twin-pro-127059040

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