Autotest

Mercedes EQE: Hochvolt-Business-Class

Mit dem EQE lässt Mercedes die E-Klasse ganz schön alt aussehen. Der kleine Bruder des EQS überzeugt durch Effizienz und künstliche Intelligenz.

Blech gewordene Windschlüpfrigkeit: der Mercedes-Benz EQE. SN/mrazek
Blech gewordene Windschlüpfrigkeit: der Mercedes-Benz EQE.

Mit der "elektrischen S-Klasse", dem EQS, hat Mercedes-Benz vergangenes Jahr viel richtig gemacht. Dass auch der kompaktere EQE weitaus mehr kann, als "nur" eine elektrische Alternative zur konventionellen E-Klasse zu sein, bewies er während unseres zweiwöchigen Tests.

Die erste gute Nachricht: Im direkten Vergleich mit der Luxuslimousine EQS kommt der EQE im Grundpreis um satte 46.421 Euro günstiger - wenngleich das Attribut bei einem Testwagenpreis von über 100.000 Euro etwas deplatziert wirkt. Im Gegenzug bekommt man mit der knapp fünf Meter langen Limousine wohl eines der besten Elektroautos am Markt. Eben weil sich der EQE eine Menge von seinem großen Bruder abgeschaut hat. Das beginnt schon bei der Grundform: Im Gegensatz zum gewohnten Drei-Box-Design konventioneller Limousinen reizt der EQE die Vorteile der skateboardartigen Architektur aus. Der im Vergleich zum Verbrenner weitaus kompaktere E-Motor ermöglicht einen extrem langen Radstand und kurze Überhänge. Den dadurch entstehenden Raum füllt nicht nur der 90,6 kWh große Akku (WLTP-Reichweite: über 600 Kilometer!), sondern auch der im Vergleich zur E-Klasse spürbar geräumigere Innenraum. Im direkten Vergleich zum Verbrenner-Pendant sitzt man spürbar höher (plus sechs Zentimeter). Davon profitiert naturgemäß die Übersichtlichkeit, wenngleich die etwas ungewohnten A-Säulen gewöhnungsbedürftig sind. Deren flache Bauweise ist der enorm günstigen Aerodynamik der EQE-Karosserie geschuldet, wenngleich diese mit einem cW-Wert von 0,22 ein wenig hinter dem EQS (0,20) zurückliegt. Ein kleiner Nachteil ist auch die starre Heckscheibe: Durch den konventionellen Heckdeckel ist der Zugriff auf die 430 Liter Kofferraumvolumen ein klein wenig unkomfortabler.

Das wär's dann schon mit dem Jammern auf hohem Niveau. Denn in Sachen Fahrkomfort, Bedienbarkeit und Verarbeitungsqualität hat der EQE die unzähligen Sterne, die er in hundertfacher Ausführung im Frontgrill trägt, absolut verdient.

Auch ohne den Hyperscreen - jenen Überdrüber-Bildschirm, der sich von einem Seitenspiegel zum anderen spannt - ist der EQE ein Vorbild an Ergonomie. Die allermeisten der vielen Funktionen lassen sich intuitiv bedienen, im Zweifelsfall hilft die äußerst praxistaugliche Sprachsteuerung. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal stellt die vorausschauende Rekuperation des EQE dar: Diese funktioniert im Alltag auffällig gut, Gleiches gilt für den Spurhalteassistenten. Die Kunst dieser smarten Helferlein besteht ja bekanntlich darin, einen echten Mehrwert zu bieten, ohne den Menschen am Steuer zu bevormunden.

Ein Vorzeigebeispiel dafür ist auch die Navigation des EQE: Auf langen Strecken plant der Bordcomputer auf Wunsch die optimalen Ladestopps, wobei die kurzfristigen Änderungen in Sekundenschnelle einkalkuliert werden. Mit keinem Verbrenner war man jemals sorgenfreier und komfortabler auf der Langstrecke unterwegs. Für maximalen Komfort sorgen zudem die Navi-Einblendungen via Augmented-Reality-Head-up-Display sowie das digitale LED-Licht mit dem adaptiven Fernlichtassistenten Plus: Letzterer macht das ständige Auf- und Abblenden im Gegenverkehr oder auf der Autobahn völlig überflüssig. Entgegenkommende sowie vorausfahrende Autos werden von den Lichtkegeln ganz einfach ausgeblendet - eine Technikshow für sich genommen.

Stichwort Fahrgefühl: Mit den knapp 300 PS des "schwächeren" 350+ fühlt man sich keinesfalls untermotorisiert. Vor allem die respektable Norm-Reichweite von 639 Kilometern macht die kleinere Elektro-Limousine aus Stuttgart zu einem echten Langstreckenmeister. Dank der Ladeleistung von bis zu 170 kW lässt sich der brachiale Akku des EQE in etwas mehr als 30 Minuten von 10 auf 80 Prozent laden. Mit knapp 25 kWh blieb der von uns gemessene Testverbrauch noch in der Nähe der Werksangaben.

IM TEST



Mercedes-Benz EQE 350+
Fünfsitzige Limousine, E-Motor mit 215 kW/292 PS, Heckantrieb, max. Reichweite 639 km, WLTP-Verbrauch 19,7-22,5 kWh/100 km, im Test: 24,9 kWh. Akku: 90,6 kWh, 0-100 km/h 6,4 Sek., Leergewicht 2355 kg, Kofferraum 430 l., Preis: ab 72.240 Euro, Testfahrzeug: 102.822 Euro.

Was gefällt:
Das Gesamtkunstwerk aus Effizienz, Intelligenz, Luxus und Komfort.

Was weniger gefällt:
Der Preis. Sparen lässt sich am ehesten beim Panorama-Glasschiebedach als Teil des Premium-plus-Pakets um 15.505 Euro.

Was überrascht:
Wie gern man intelligente Assistenten nutzt, wenn sie gut funktionieren.

Perfekt für:
Alle, denen der BMW i4 zu sportlich und der Kia EV6 zu extravagant ist.

Aufgerufen am 09.02.2023 um 09:48 auf https://motor.sn.at/autotest/mercedes-eqe-hochvolt-business-class-131420653

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