Autotest

Renault Twingo Electric: Minimalist mit vier Türen

Der Twingo wird mit E-Motor vollends zum Auto, das nur für notwendige Fahrten in Betrieb genommen wird.

Ein Renault für Einsteiger in die neue Mobilität. SN/behr
Ein Renault für Einsteiger in die neue Mobilität.

Das Erstaunen im mittlerweile fernen Jahr 2014 war groß, als Renault den Twingo III vorstellte: Motor und Antrieb hinten! Bilder der hauseigenen Heckschleudern R8 oder R10 aus den Sechzigern tauchten in den Magazinen auf. Einigermaßen schlüssig wirkte das Ganze nur, weil der Twingo gemeinsam mit dem zeitgleich präsentierten Smart For Four entwickelt worden war. Das Konzept Smart baut auf dem ansonsten nur noch von Porsche (in einer eigenen Liga) gepflegten Heckmotor-Prinzip auf.

Die Annahme, der neue Twingo könnte die Tradition der einerseits gefürchteten, aber von Freaks auch gefeierten Heckschleudern fortsetzen, wurde nur teilweise bestätigt. Moderne Elektronik bügelt beim Fahrwerk einiges aus. So richtig erwachsen wirkt das Benehmen des Twingo aber erst in seiner jüngsten Variante - als Electric.

Spielzeugmaße mit Heckantrieb

Geblieben sind die Spielzeugmaße von nur 3615 Millimetern Länge und 1425 Millimetern Breite und der sagenhaft kleine Wendekreis von 8,6 Metern. Es lohnt sich, mit dem Twingo Parkbuchten anzusteuern, die nach herkömmlicher Einschätzung illusorisch wären. Geblieben sind auch die sympathisch-schwungvolle Linie und die feste Struktur der Fahrgastzelle. Verändert und zwar zum Positiven gegenüber den Twingo-Verbrennern hat sich das Fahrverhalten.

Viel zur Ausgewogenheit des von Renault als Citymobil deklarierten elektrischen Twingo mit 1168 Kilogramm Eigengewicht trägt die unter den Vordersitzen eingebaute 165 Kilogramm schwere Batterie bei. Heckantrieb? Wäre es nicht bekannt, würde es im Normalbetrieb gar nicht auffallen. Weitere Unterschiede zu den nach wie vor angebotenen Verbrennern: Der E-Antrieb arbeitet so leise, dass durch das Stoffdach dringende Außengeräusche deutlich wahrgenommen werden. Man ertappt sich beim Überprüfen, ob alle Fenster geschlossen sind - so ungewohnt klingt es, was unterwegs zu hören ist.

Das ultimative Stadtauto

Die im Verbrenner-Twingo beobachtete starke Wärmeentwicklung im Inneren fällt beim Electric weg. Das ist sicher ein Segen im Sommer. Im Winter wird die Heizanlage gefordert, der Betrieb geht auf Kosten der Reichweite - und die ist das zentrale Thema des kleinen Franzosen, der auch bei der Kapazität der Batterie klar unter dem Zoe positioniert ist. Im WLTP-Vollzyklus wird eine Reichweite von 190 Kilometern angegeben. Twingo Electric fahren, das heißt Umstellen des automobilen Alltags. Der Bordcomputer speichert Alltagswerte und errechnet eine mögliche nächste Reichweite. Beladung, Fahrweise und Verbrauch der Heizung werden mitkalkuliert. In den zwei Testwochen mit teilweise Temperaturen unter null schwankten bei jeweils 100-prozentiger Aufladung die angegebenen Werte zwischen 142 und 171 Kilometern. Im für Stop-and-go interessanten B-Modus mit erhöhter Bremswirkung des Motors und damit verstärkter Rekuperation werden Kilometer gewonnen. Das alles erfordert eine exakte Routenplanung und es wird bei den notwendigen Fahrten ohne Abstecher bleiben müssen. Minimalistisch wie das ganze Auto ist das Kofferraumvolumen von 210 Litern. Bei nach vorn geklappter Rücksitzbank wächst es auf praxisnahe 980 Liter, aber damit wird der Twingo zum Zweisitzer mit vier Türen.

Für Einsteiger in die Elektromobilität ist dieser Twingo eine Überlegung wert. Die Verkaufspreise beginnen bei knapp über 20.000 Euro, Förderungen (2000 Euro vom Importeur plus 3000 Euro vom Bund) können abgezogen werden. Auch die Errichtung von Wallboxen wird unterstützt. Dieser Twingo macht das E-Auto volksnäher.

Im Test: Renault Twingo Electric

Kleinwagen, Elektromotor, 60 kW/91 PS, Eingang-Untersetzungsgetriebe, Wechselstrom-Ladesystem, Reichweite (WLTP) Vollzyklus 190 km, City-Zyklus 270 km, Preis (Linie Vibes) 24.990 Euro, Basis 20.590 Euro.

Was gefällt:
Die leichtgängige Lenkung und das flotte Einparken dank 8,6 Metern Wendekreis.

Was weniger gefällt:
Die Reduktion der ohnehin begrenzten Reichweite bei Temperaturen um null Grad.

Was überrascht:
Wie satt und sicher dieser Hecktriebler in der Spur bleibt.

Perfekt für:
Zeitgenossen, die sich vom traditionellen Bild des Anspruchs an ein Automobil bereits verabschiedet haben.

Aufgerufen am 15.06.2021 um 05:19 auf https://motor.sn.at/autotest/renault-twingo-electric-minimalist-mit-vier-tueren-103279081

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