Autotest

Sternfahrt in den Süden: Einmal Toskana und zurück im Mercedes EQS

Mit dem EQS stellt Mercedes-Benz den Anspruch, das Elektroauto mit der aktuell größten Reichweite zu bauen. Grund genug für einen rein elektrischen Roadtrip über 1700 Kilometer nach Italien und retour in drei Tagen.

Der EQS zeigt das technisch Machbare, das in einigen Jahren auch in günstigeren Modellen zu haben sein wird. SN/mrazek
Der EQS zeigt das technisch Machbare, das in einigen Jahren auch in günstigeren Modellen zu haben sein wird.

Gefühlt ist es noch gar nicht so lang her, da traute man sich mit rein elektrisch angetriebenen Testautos kaum auf die Autobahn. Zu groß war die Reichweitenangst, zu gering die Lust darauf, in der Ferne verzweifelt nach Lademöglichkeiten zu suchen.

Der EQS ist derzeit das elektrische Nonplusultra

Die gute Nachricht: Das ist nun endgültig vorbei. Mit dem EQS - vulgo: der elektrischen S-Klasse - bietet Mercedes seit dem vergangenen Jahr ein Auto, dessen WLTP-Reichweite jene der meisten Benzinfahrzeuge in den Schatten stellt. Von der Elektrokonkurrenz ganz zu schweigen. Die schlechte Nachricht: Wer in den Genuss von bis zu 676 Kilometern ohne Nachladen kommen möchte, muss im Falle unseres Testautos über 170.000 Euro nach Stuttgart überweisen.

Schon im vorigen Sommer hatten wir die Gelegenheit, den EQS im Rahmen seiner Premiere zwei Tage lang durch die Schweiz zu fahren. Und waren beeindruckt vom hohen Grad an Perfektion, der souveränen Unaufgeregtheit und vor allem der technischen Begeisterungsfähigkeit, mit der die schwäbischen Ingenieure jeden einzelnen Kilometer an Reichweite aus der 5,20 Meter langen und 2,5 Tonnen schweren Limousine gekitzelt haben. Noch heute ernte ich mit Erzählungen über meinen damaligen Durchschnittsverbrauch von 13,6 kWh ungläubige Blicke - wenngleich man dazu sagen muss, dass dieser Wert in einem Land zustande kam, das für seine rigorosen Verkehrsstrafen zu Recht gefürchtet ist.

Aber zurück in die Gegenwart. Wenn wichtige Termine während der nun endlich abklingenden Omikron-Welle wieder im südlichen Ausland stattfinden, man als verantwortungsvoller Redakteur das leicht fossil angehauchte Angebot eines Privatjets ab München aber nicht annehmen möchte, bleibt nur die Anreise auf Achse. Und obwohl sich laut Google Maps die Strecke von 828 Kilometern von der Stadt Salzburg nach Grosseto in der Toskana nicht einmal mit dem EQS ohne Ladestopp ausgeht, war der Starkstrom-Benz dennoch die perfekte Wahl für diesen kilowattträchtigen Roadtrip.

Über die wichtigsten Eigenschaften des EQS, etwa seine unglaublich windschlüpfrige Karosserie, die ihn zum aerodynamischsten Serienauto der Gegenwart macht, wurden andernorts schon genug Worte verloren. Auch begeisterte Beschreibungen zu den innen mit Flüssigkeit gekühlten Rotoren der permanenterregten Synchronmaschinen des EQS müssen die SN-Leser dieses Mal nicht erdulden.

Perfektion bei im EQS: Navigation mit Electric Intelligence

Vielmehr soll es in diesem Test primär um jenes System gehen, das man in Stuttgart "Navigation mit Electric Intelligence" genannt hat. Während die Navis anderer Hersteller die Schnellladestationen entlang der Routenführung mehr oder weniger verlässlich anzeigen, hat Mercedes dieses Feature annähernd zur Perfektion gebracht: So zeigt der riesige MBUX-Hyperscreen nicht nur die schnellste und komfortabelste Route bis zum Ziel an, sondern inkludiert selbstständig auch Anzahl und empfohlene Länge der Ladestopps. Natürlich ändern sich die Infos in Echtzeit, etwa bei Staus oder wenn man wider Erwarten doch zu rasant unterwegs war. Wobei gesagt werden muss, dass selten ein Auto mit über 500 PS Leistung so wenig zum Rasen verleitet hat wie der EQS. Ganz im Gegenteil. Vielleicht liegt es an der beispiellosen Rekuperationsfähigkeit von maximal 290 Kilowatt, dass man in der bis zu 210 km/h schnellen Luxuslimousine lieber gleitet statt hastet.

Die Fahrt nach Grosseto über den Brenner inklusive fulminanten Abendessens und Übernachtung in der Nähe von Panzano in Chianti erledigt der EQS mit gerade einmal zwei Ladestopps von je knapp 30 Minuten. Mit etwas mehr Mut hätte wohl auch einer gereicht. Der Durchschnittsverbrauch lag bei 22,3 kWh bei einem mittleren Tempo von 96 km/h. Die Route zurück in die Heimat, vorbei an Venedig, durchs Kanaltal und Kärnten, hob den Verbrauch auf immer noch passable 24 kWh, wenngleich auch das Tempo höher war. Der Clou war aber "Mercedes Me Charge": Damit erkennt das Auto selbstständig die Ladesäule, startet das Laden und rechnet sogar eigenständig ab. Mehr Komfort geht nicht.IM TEST



Mercedes-Benz EQS 4Matic

Elektro-Luxuslimousine mit zwei E-Motoren, 385 kW/523 PS, Allradantrieb. Akku: 107 kWh, max. Reichweite 676 km lt. WLTP, Verbrauch 21,4-18,2 kWh/100 km lt. WLTP, im Test 22,1 kWh. Preis Testfahrzeug: 171.636 Euro.

Was gefällt:
Die Kombination aus Luxus, Reichweite, Effizienz, smarten Features und dem Design.

Was weniger gefällt:
Der Sitzkomfort erreicht nicht das hohe Niveau des Autos.

Was überrascht:
Wie sorgenlos Langstrecken mit einem E-Auto sein können.

Perfekt für:
Bisherige S-Klasse-Fahrer.

Aufgerufen am 02.10.2022 um 10:44 auf https://motor.sn.at/autotest/sternfahrt-in-den-sueden-einmal-toskana-und-zurueck-im-mercedes-eqs-119757895

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