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Autos aus China: Starkstrom aus Fernost

Ein Drittel aller weltweit verkauften Autos kommt bereits aus China. Ein Best-of jener Marken, die vor allem bei E-Modellen kräftig Gas geben.

Abgekupfertes Design, miese Verarbeitungsqualität, gefährliche Sicherheitsmängel - Vorurteile gegenüber chinesischen Autos gibt es viele. Und etliche Jahre lang trafen sie auch zu. Branchenintern wird noch heute über die Europa-Premiere der Marke Landwind im Jahr 2005 gewitzelt: Damals, im grellen Scheinwerferlicht der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt, verlor das über Umwege in die EU importierte und schlecht verarbeitete Plagiat eines Opel Frontera vor versammelter Journalistenschar einen Türgriff. Heute gilt dieser peinliche PR-Super-GAU als Wendepunkt in der Entwicklung chinesischer Autohersteller.

Enorme Produktionspower bei chinesischen Autoherstellern

Während die Pkw-Verkaufszahlen in Europa insgesamt seit mehreren Monaten stagnieren, legten die Hersteller aus dem Reich der Mitte im selben Zeitraum massiv zu. Glaubt man den aktuellen Daten des Analyseunternehmens Jato Dynamics, so konnten die chinesischen Hersteller im Jahr 2021 auf rund 66.000 verkaufte Fahrzeuge mehr als verdoppeln. Zählt man auch die Fahrzeuge jener europäischen Marken dazu, die chinesische Eigentümer haben und deren Modelle in den dortigen Produktionsstätten vom Band laufen, so steigt die Zahl der im Vorjahr verkauften Fernostprodukte auf über 90.000. Und der Aufwärtstrend setzt sich auch 2022 fort: Knapp 13.000 verkaufte Einheiten allein in den Monaten Jänner und Februar bedeuten ein Plus von 167 Prozent.

Zwar ist der Marktanteil der Chinesen in Europa mit aktuell 1,2 Prozent nach wie vor überschaubar. Doch ein Blick auf die globale Ebene zeigt, welche enorme Produktionspower die chinesischen Fabriken bereits repräsentieren: Im Vorjahr lag der Anteil chinesischer Hersteller an den weltweiten Pkw-Verkäufen bei stattlichen 28,9 Prozent. Glaubt man den Prognosen der Experten, so könnte 2022 bereits ein Drittel aller neu gefertigten Pkw aus China stammen. Allein auf den Straßen der Volksrepublik fahren schon jetzt 287 Millionen Autos - mehr als in jedem anderen Land der Welt.

Unterschiedliche Strategien in Chinas Autobranche

Auf ihrem Weg zur automobilen Weltherrschaft nutzen die Konzerne und Start-ups aus China unterschiedliche Strategien. Staatlich dominierte Unternehmen wie SAIC produzieren weiterhin günstige Modelle - etwa unter der ehemaligen Kult-Sportwagenmarke MG - und zielen damit vornehmlich auf eine kostenbewusste Klientel in Europa ab. Andere Hersteller setzen vermehrt auf Kooperationen mit westlichen Partnern, nutzen dabei jedoch die Preisvorteile der Produktion vor Ort. Jüngstes Beispiel dafür ist die ehemalige Kleinwagenmarke Smart, die auf einem Joint Venture von Mercedes-Benz und Geely basiert. Und dann wäre da noch die Gruppe junger, aufstrebender Mobilitäts-Start-ups mit Milliardenbewertung an der Börse, die nach Vorbild des US-Pioniers Tesla hochentwickelte Elektrofahrzeuge plant, darunter Nio oder Xpeng. Folgende Hersteller haben die größten Chancen, den europäischen Platzhirschen den Rang abzulaufen:

1. BYD
Beim größten chinesischen Autohersteller handelt es sich eigentlich um einen Mischkonzern, der im Westen meist nur als weltweit größter Produzent von Akkus für Mobiltelefone und Laptops bekannt ist. Seit einigen Jahren setzt man in der Konzernzentrale Shenzhen vor allem auf Kooperationen mit etablierten Herstellern wie Toyota oder Mercedes. Wenngleich die mit deutscher Beteiligung gegründete Tochtermarke Denza bis dato noch weit hinter den Erwartungen geblieben ist, macht das enorme Know-how in der Batterietechnik BYD zu einem potenziellen Gewinner der Elektrifizierung. Von den rund 427.000 Autos, die das Unternehmen 2020 verkaufte, war bereits ein Drittel rein elektrisch. Größte Hoffnung ist der selbst entwickelte Lithium-Eisenphosphat-Akku, der enorme Reichweiten verspricht.

2. Nio
Das 2014 von William Li in Schanghai gegründete Start-up gilt als die chinesische Version von Tesla. Das Unternehmen mit weltweit mehr als 14.000 Mitarbeitern betreibt in München ein Design- und Markenentwicklungszentrum und wird an der Börse aktuell mit über 60 Milliarden Dollar bewertet. Damit übersteigt die Marktkapitalisierung des jungen Unternehmens bereits jene etablierter Branchengrößen wie Stellantis oder Opel. Im krassen Gegensatz dazu stehen gerade einmal 40.000 verkaufte Fahrzeuge im Jahr 2021. Ein großes Versprechen stellt die im Jänner vorgestellte Luxuslimousine ET7 dar, deren Feststoffbatterie eine Reichweite von mehr als 1000 Kilometern ermöglichen soll. Neu ist auch das Angebot, die Batterie auf Kundenwunsch austauschen zu lassen oder zu abonnieren, was den Kampfpreis von umgerechnet rund 55.000 Euro nochmals verringert.

3. Great Wall Motor
Das 1984 gegründete Unternehmen war 2003 die erste private chinesische Firma, die an die Börse gehen durfte. Zuletzt verkaufte der für besonders robuste und langlebige SUV und Pick-ups bekannte Hersteller mehr als 1,1 Millionen Fahrzeuge auf dem chinesischen Heimatmarkt. Darüber hinaus spielt Great Wall Motors kaum eine Rolle - noch, denn gemeinsam mit BMW soll bis 2023 in China eine hypermoderne Fabrik für Elektroautos entstehen. Eine weitere Hoffnung ist das Tochterunternehmen SVolt Energy. Dieses will eine eigene Akkufabrik in Deutschland bauen und noch in diesem Jahr eine komplett kobaltfreie Batterie in Serie bringen.

4. SAIC Motor
Als Staatskonzern mit Sitz in Schanghai ist SAIC gemessen am Absatz seit über einem Jahrzehnt die klare Nummer eins Chinas: 2020 lieferte man 5,6 Millionen Fahrzeuge aus, doch nur sechs Prozent davon gingen in den Export. Das soll sich jedoch ändern: Binnen fünf Jahren will man zum fünftgrößten Autokonzern der Welt aufsteigen. Kooperationen mit Volkswagen und General Motors gelten diesbezüglich als Mittel zum Zweck. Auf die unzähligen Eigenmarken wie MG, Roewe, R-Series, Maxus, Wuling, Wagon, Yongyan oder Sunwin entfallen aktuell rund 46 Prozent des Gesamtabsatzes.

5. Geely Automotive Holdings
Bekannt ist Geely vor allem als Besitzer der schwedischen Marken Volvo und Polestar sowie Produzent der neuen Smart-Modelle. Mithilfe smarter Finanztricks stieg Geely-Gründer Li Shufu 2018 zum größten Einzelaktionär bei Mercedes auf. Das Ziel des Selfmade-Milliardärs ist ein Mehrmarkenkonzern nach Volkswagen-Vorbild. Neben Mercedes zählen zudem auch die in China dominanten Techriesen Baidu und Tencent sowie der Apple-Zulieferer und Neo-Autohersteller Foxconn zu wichtigen Kooperationspartnern. Inklusive Volvo kommt Geely auf einen jährlichen Pkw-Absatz von 2,1 Millionen.

Aufgerufen am 21.05.2022 um 10:46 auf https://motor.sn.at/news/autos-aus-china-starkstrom-aus-fernost-120757645

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