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E-Fuels: Die flüssige Alternative

Synthetische Kraftstoffe als sinnvolle Ergänzung zur E-Mobilität. In Graz geht 2022 die modernste Power-to-Liquid-Anlage Europas in Betrieb.

In Gegenden hergestellt, wo Wind- oder Sonnenenergie günstig ist, wären E-Fuels eine nachhaltige Alternative zu fossilen Brennstoffen. SN/efuel alliance
In Gegenden hergestellt, wo Wind- oder Sonnenenergie günstig ist, wären E-Fuels eine nachhaltige Alternative zu fossilen Brennstoffen.

Im Vergleich zu anderen Interessengemeinschaften und gemessen an ihrem Alter ist die eFuel Alliance Österreich ein blutjunges Start-up. Tatsächlich existiert die Initiative, die sich die politische Akzeptanz und die regulative Berücksichtigung von synthetischen Kraftstoffen - der sogenannten E-Fuels - zum Ziel gesetzt hat, hierzulande erst seit wenigen Monaten. Umso beeindruckender ist der rege Zulauf an Mitgliedern der nach deutschem Vorbild gegründeten Organisation: Aktuell werden bereits über 100 Mitglieder gezählt, darunter namhafte Unternehmen aus der Automobil- und Zuliefererindustrie, aus Forschung und Wissenschaft, dem Anlagen- und Maschinenbau, der Luft- und Seefahrtsbranche, der Chemieindustrie sowie aus dem Bereich der Energieproduktion.

„CO2-Emissionen haben keinen Reisepass. Wenn wir die Verbrenner in Europa verbieten, fahren sie in Afrika und Asien weiter.“
Jürgen Roth, eFuel Alliance Österreich

Repräsentiert wird die eFuel Alliance in Österreich durch deren Vorstand Jürgen Roth. Der Grazer Unternehmer, Besitzer einer Tankstellenkette und Fachverbandsobmann des Energiehandels in der Wirtschaftskammer Österreich hat es sich persönlich zur Mission gemacht, das Image synthetisch produzierter Treibstoffe aufzupolieren und die sogenannten E-Fuels als ökologisch wie ökonomisch sinnvolle Ergänzung zur Elektromobilität mehrheitsfähig zu machen. Anders, als sein beruflicher Werdegang und seine aktuelle Position vielleicht nahelegen würden, führt Roth allerdings keinen Feldzug gegen Elektroautos an. Ganz im Gegenteil: Als Repräsentant der Bundesregierung bei der EU ist er maßgeblich in die Entstehung und Umsetzung des "Fitfor55"-Plans eingebunden und steht mit vollster Überzeugung hinter der Notwendigkeit, die in Brüssel festgelegten Klimaziele auch zu erreichen.

Erneuerbarer Strom: Die Krux an der Sache

Massive Kritik übt Jürgen Roth jedoch an der politischen Agenda, bei der europaweiten Energiewende ausschließlich über den Weg der Elektrifizierung zu gehen. Denn dafür, so rechnet Roth anlässlich eines Vortrags am Wifi Salzburg vor, fehlt es in Österreich sowie in ganz Europa schlichtweg an den Kapazitäten. "Um das Ziel, Österreich bis 2030 zu 100 Prozent mit erneuerbarem Strom zu versorgen, zu erreichen, würde man auf Basis des heutigen Stromverbrauchs zusätzliche 27 Terawattstunden benötigen. Davon sollen gemäß aktuellen Plänen elf aus neuen Photovoltaikanlagen, zehn aus der Windkraft, fünf aus neuen Wasserkraftwerken sowie eine Terawattstunde Energie aus der Biomasse kommen", so der Energieexperte. "Anders formuliert würde Österreich bis Ende des Jahrzehnts dafür zwei Millionen Quadratmeter neue Photovoltaikanlagen, 1200 neue Windräder sowie rund 60 neue Flusskraftwerke wie jene an der Mur benötigen."

Die Krux an der Sache: Schon das behördliche Bewilligungsverfahren für ein neues Wasserkraftwerk dauert in Österreich im Schnitt länger als jene acht Jahre, die sich Österreich für die Umsetzung der Energiewende bis zum Ende des Jahrzehnts gibt. Erschwerend kommt hinzu, dass dem Klima mit der Umstellung der heimischen Stromproduktion allein nicht geholfen ist. Die weitaus größeren Brocken warten in der Transformation anderer energiehungriger Sektoren wie der Industrie oder der Bauwirtschaft. Allein die voestalpine benötigt mit all ihren Standorten jährlich ein Energie-Äquivalent von 35 Terawattstunden und würde demnach weitere zusätzliche 2000 Windräder, drei Millionen Quadratmeter Solarzellen sowie 70 bis 100 Wasserkraftwerke notwendig machen.

Energietransport aus dem Ausland und praxistaugliche Speicher

"Die Wahrheit ist: Der zusätzliche Energiehunger durch die Klimaziele wird nicht mit in Europa hergestellten, erneuerbaren und strombasierten Ressourcen gestillt werden können", ist sich Jürgen Roth sicher. Dazu kommen laut Roth die großen saisonalen, aber auch tageszeitabhängigen Schwankungen bei der Produktion nachhaltiger Energie. Um den Energietransport aus dem Ausland wirtschaftlich zu machen, aber auch, um die Fluktuationen bei der Stromproduktion auszugleichen, brauche es eine praxistaugliche Speicherlösung.

Und eine kommt möglicherweise aus Graz: Dort wird am Gelände der AVL List aktuell an der modernsten Power-to-Liquid-Anlage Europas gebaut. Durch den Einsatz von Grünstrom von der hauseigenen Photovoltaikanlage, grünem Wasserstoff und Kohlendioxid können damit synthetische Kraftstoffe hergestellt werden, die anschließend zu E-Fuels weiterverarbeitet werden. Weltweit einmalig ist die enorme Effizienz der geplanten Ein-Megawatt-Anlage, die rund 500.000 Liter synthetischen Diesel pro Jahr herstellen soll: Dank des Know-hows der AVL-Techniker liegt der Energiebedarf um rund ein Drittel unter dem vergleichbarer Anlagen.

Potenzial synthetischer Kraftstoffe ist hoch

Geht es nach dem technischen Leiter des Projekts, Jürgen Rechberger, so ist das Potenzial synthetischer Kraftstoffe erheblich: "Allein durch die Nutzung von überschüssigem Strom aus regenerativen Quellen, der mittels E-Fuels lager- und speicherbar gemacht wird, könnten im Jahr 2030 in Österreich 240 Millionen Liter Kraftstoff hergestellt werden." Durch die hohe Effizienz sollen Power-to-Liquid-Anlagen in Zukunft auch für Unternehmen leistbar sein, um einen Überschuss an Kohlendioxid ökologisch sinnvoll zu verwerten oder die eigene Fahrzeugflotte mit selbst produziertem Treibstoff zu betreiben. Last, but not least könnten Anlagen wie jene der AVL auch die Wahrscheinlichkeit eines Blackouts reduzieren.

Geht es nach Jürgen Roth, so sollte man die Nutzung von synthetischen Treibstoffen nicht nur für die Flug- und Schifffahrtsindustrie andenken, wo die Elektrifizierung aufgrund der Energiedichte der Akkus mittelfristig keine Alternative darstellt. Vielmehr würden auch die insgesamt 7,5 Millionen in Österreich zugelassenen Kraftfahrzeuge eine enorme Möglichkeit darstellen, rasch etwas für die Erreichung der Klimaziele zu unternehmen: "Würde man bis 2030 nur zehn Prozent E-Fuels zum konventionellen Treibstoff beimengen, wäre mit einem Schlag das Äquivalent von 750.000 Fahrzeugen CO2-neutral unterwegs. Das wäre ein enorm wertvoller Beitrag", so Roth. Im Vergleich dazu: Aktuell machen die 75.000 zugelassenen E-Auto nur ein Prozent des Gesamtbestands aus. Vor allem für die unzähligen Spezial- und Nischenfahrzeuge mit langen Nutzungszeiten, darunter Traktoren und Baumaschinen, aber auch Fahrzeuge im Forstbetrieb, beim Militär, sowie für Notstromaggregate stellen E-Fuels eine ökologisch wie ökonomisch sinnvolle Alternative dar.

Aufgerufen am 02.10.2022 um 12:11 auf https://motor.sn.at/news/e-fuels-die-fluessige-alternative-113249359

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