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E-Scooter: Sinn und Unsinn

Die Autoindustrie entdeckt die Mikromobilität für sich. Bei Seat arbeitet man aktuell an wirtschaftlichen und ökologischen Geschäftsmodellen rund um E-Scooter.

Zukunftslösung oder ökologischer Wahnsinn? E-Scooter polarisieren.  SN/pixabay
Zukunftslösung oder ökologischer Wahnsinn? E-Scooter polarisieren.

Ein hochkarätiges Round-Table-Gespräch im Rahmen der diesjährigen IAA in Frankfurt. Der Mann im Fokus der internationalen Journalisten-Schar: Luca de Meo, Vorstandsvorsitzender der VW-Tochtermarke Seat. Doch der 52-jährige Italiener ist nicht nur oberster Chef der aktuell boomenden spanischen VW-Tochter, sondern auch CEO des Seat-Metropolis:Lab Barcelona. Das 2017 in der katalanischen Hauptstadt gegründete Labor hat das Ziel, die Beziehung zwischen den Menschen, der intelligenten Stadt und den angebotenen Mobilitätsdienstleistungen zu optimieren. Eine Mitfahrzentralen-App, die innerstädtische Pendler mit der gleichen Wegstrecke koordiniert oder ein On-demand-Busprojekt, bei dem die Auslastung vorhandener Buslinien verbessert wird, zählen zu den ersten Projekten der Forschungseinrichtung im Besitz von Seat.

E-Scooter als Mobilitätslösung

So gesehen ist es kein Wunder, dass der Spitzenmanager auch auf der weltweit größten Automobilmesse auffallend gerne über Mobilitätslösungen unterhalb des Autos spricht - fließend in fünf Sprachen und stets mit exzellentem Hintergrundwissen. "Wir von Seat mögen die Idee, die hinter E-Scootern steckt - nämlich mit kleinen, leichten und umweltfreundlichen Fahrzeugen Mobilitätslösungen für die viel zitierte letzte Meile anzubieten. Wir glauben auch, dass diese Produkte großes Potenzial in Bezug auf den Klimaschutz und die Lebensqualität in den großen Städten haben. Allerdings stehen wir alle erst am Anfang einer spannenden Entwicklung."

E-Scooter auch in Kritik

Tatsächlich sind E-Scooter seit Monaten Garanten für kritische Schlagzeilen. Vor allem die Geschäftspraktiken der in vielen europäischen Metropolen wie die Pilze aus dem Boden schießenden E-Scooter-Verleiher sorgen für massive Expertenkritik. So kommt ein Forschungsteam der North Carolina State University in einer aktuellen Studie zu dem Schluss, dass ein E-Scooter auf einer Meile (rund 1,6 Kilometer) für einen höheren Ausstoß von Treibhausgasen verantwortlich ist, als ob man dieselbe Strecke zu Fuß geht oder mit dem Fahrrad, dem Bus oder einem fossil angetriebenen Moped zurücklegt. Das Problem sei dabei nicht der Betrieb des Scooters selbst - vorausgesetzt, die Ladung der Akkus erfolgt überwiegend mittels Ökostrom -, sondern dessen überproportional aufwendiger Produktionsprozess sowie der Transport der meist in Asien hergestellten Leichtfahrzeuge nach Europa.

Seat sucht nach einer wirtschafltichen und ökologischen Lösung

"Innerhalb des VW-Konzerns übernimmt Seat in den nächsten Monaten die Rolle des Koordinators. Von Barcelona aus werden wir eine zukunftsweisende Strategie für die urbane Mobilität entwickeln", so De Meo, der den Ball jedoch bewusst flach hält: "Wir sind allesamt noch keine Experten in diesem Bereich, wir lernen gerade erst, mit den Herausforderungen umzugehen und Lösungen zu entwickeln." Fakt ist: Seat bietet in Zusammenarbeit mit dem E-Scooter-Hersteller Segway nicht nur bereits eigene Produkt an, sondern könnte in Zukunft noch eine größere Rolle im Bereich der viel kritisierten E-Scooter spielen. "Es ist aus meiner Sicht unfassbar zu sehen, wie die derzeitigen E-Scooter-Verleiher wirtschaftlich agieren. Aufgrund der extrem kurzen Lebensdauer sind sie gezwungen, die Geräte am ersten Tag abzuschreiben. Weil die Erfahrungen gezeigt haben, dass die Scooter nach drei Monaten entweder gestohlen, kaputt oder ganz einfach verloren sind", so Luca de Meo. Eine wirtschaftlich wie ökologisch sinnvolle Lösung kann laut dem Seat-CEO nur eine Kombination aus gezielt für die verschiedenen Nutzungsmodelle konstruierten Fahrzeugen und einer vernetzten Onlineplattform sein. "Die heutigen Free-Floating-Sharing-Systeme, bei denen die Scooter jeden Abend eingesammelt werden müssen, haben aus meiner Sicht keine Zukunft."

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