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Falco lebt!

Ein Salzburger Start-up entwickelt Mobilitätskonzepte für eine nachhaltige Zukunft. Nach einer App und einem smarten Laderoboter plant Alveri ein Elektroauto namens "Falco".

Das Elektroauto „Falco“ soll ab Ende 2023 Dreh- und Angelpunkt des ganzheitlichen Mobilitätskonzepts von Alveri sein, das laufend durch neue Services erweitert wird. SN/alveri
Das Elektroauto „Falco“ soll ab Ende 2023 Dreh- und Angelpunkt des ganzheitlichen Mobilitätskonzepts von Alveri sein, das laufend durch neue Services erweitert wird.

Die Geschichte beginnt vor 25 Jahren. Damals kam der siebenjährige Ehsan Zadmard mit seinen Eltern aus Afghanistan nach Österreich. "Außer einem Plastiksackerl mit ein wenig Essen hatten wir nichts außer die Kleidung, die wir gerade anhatten. Ich sprach kein Wort Deutsch, musste aufgrund meines Alters aber trotzdem in die zweite Klasse Volksschule einsteigen und hatte noch nicht einmal genug Geld für ein Stück Schokolade", erinnert sich der heute 32-jährige Ehsan an die schwierige Anfangszeit in seiner neuen Heimat.

Heute führt Ehsan Zadmard gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Jakob das Start-up Alveri mit Sitz in der Stadt Salzburg. Über Headlines wie "Die afghanischen Brüder" können sie sich beide gleichermaßen ärgern. "Wir sehen vielleicht etwas anders aus, aber wir sind beide Österreicher, sprechen die gleiche Sprache, haben dieselbe Kultur, Jakob ist ja auch in Vöcklabruck geboren und war noch nie in Kabul", sagt Ehsan.

Ehsan Zadmard und sein Bruder Jakob. SN/alveri
Ehsan Zadmard und sein Bruder Jakob.

Fest steht, dass die Story des Brüderpaars aus Oberösterreich zur echten Integrations-Erfolgsstory taugt. Bereits mit Mitte 20 wurde Ehsan Unternehmer: Bei einem Global Player im Bereich der Metallproduktion wagt er ein millionenschweres Management-Buy-out. Das mit Schulden finanzierte Wagnis geht auf, heute ist Ehsan Seriengründer und finanziell gut aufgestellt. Und dennoch beginnt sein bis dato größtes Abenteuer erst vor knapp zweieinhalb Jahren. Damals gründet er gemeinsam mit Jakob, mittlerweile Software-Guru und Absolvent der Fachhochschule Hagenberg, das Unternehmen Alveri. Ihre Mission: nichts Geringeres, als die Mobilität der Zukunft entscheidend mitzugestalten.

Welches Elektroauto passt am besten zu mir?

Im stylish eingerichteten Loftbüro im siebten Stock eines Office-Hochhauses in Salzburg-Lehen empfängt uns Ehsan Zadmard zum Interview und kredenzt Espresso aus nachhaltigen Recyclingkapseln. Hier ist der Ort, an dem er und seine Mitstreiter kreativ sein können, wo all die zukunftsweisenden und teils visionären Konzepte entstehen. Dass die mittlerweile zehn Mitarbeiter hier kaum alle gleichzeitig Platz finden, stört nicht im Geringsten: "Wir sind es gewohnt, dezentral zu arbeiten - aktuell in Wien, Graz, München, unser Software-Team arbeitet in Serbien."

Das im Juni 2019 gegründete Start-up basiert auf insgesamt drei Säulen: einer digitalen Info-Plattform, einem Infrastruktur-Konzept sowie der Vision, in einigen Jahren ein komplett in Österreich entwickeltes Elektroauto auf den Markt zu bringen. Wenngleich das Interesse an der Designstudie "Falco", deren Bilder die Wände in Ehsans Büro dominieren, besonders groß ist, beginnt der Firmengründer konsequenterweise in chronologischer Reihenfolge. "Unsere Online-Plattform, die es mittlerweile natürlich auch als Smartphone-App gibt, war vor über zwei Jahren der Ausgangspunkt all unserer Überlegungen." Das Konzept dahinter: Erlaubt der Nutzer der App die Verwendung der Geodaten des Handys, so erkennt der smarte Algorithmus die individuellen Fahrmuster. Je mehr Daten gesammelt werden, desto genauer wird schließlich das Ergebnis: Nach rund zwei Wochen bekommt der Nutzer auf Basis der persönlichen Mobilitätsmuster eine Auswertung, welches aktuell am Markt verfügbare Elektroauto am besten zu ihm passt - inklusive Link zum dazugehörigen Autohändler: "Heute ist das Angebot natürlich dementsprechend groß." Als die Alveri-App vor über zwei Jahren online ging, gab es hierzulande gerade einmal 18 Elektroautos. "Wir haben deshalb nicht nur zwei Wasserstoff-Pkw, sondern notgedrungen auch alle Plug-in-Hybride in die Anwendung integriert - und das obwohl wir alle persönlich überzeugte Gegner der Hybridtechnologie sind", bekennt Ehsan mit einem Lächeln. Die Technologie sei im Vergleich zu einem reinen Stromer einfach unglaublich ineffizient, ganz egal ob man kurze oder lange Strecken zurücklegt. "Das ist auch der Grund, weswegen der Algorithmus unserer App niemals einen Plug-in-Hybrid als optimales Auto vorschlagen wird: Nach Kriterien der maximalen Energieeffizienz sind Hybride reinen E-Autos in jeder Hinsicht unterlegen", so Ehsan mit entwaffnender Ehrlichkeit.

Infos zu aktuellen Förderungen und der Ladeinfrastruktur

Neben den Fahrzeugempfehlungen umfasst die mit 5000 Programmiererstunden extrem aufwendig gestaltete App auch Informationen zu aktuellen Förderungen und der dazugehörigen Ladeinfrastruktur. Letztere bildet auch die zweite Säule der Zukunftsvision der Alveri-Gründer. Mit dem "Chardbo" - einem intelligenten Laderoboter - haben die Jungunternehmer schon jetzt eine Lösung für die Energieprobleme der Zukunft. "Für uns besteht die Zukunft des Aufladens nicht darin, in jeder Garage 20 oder mehr Ladesäulen zu installieren", erklärt Ehsan. "Stattdessen halten wir es für klüger, E-Autos in Zukunft von smarten Laderobotern wie dem ,Chardbo' aufladen zu lassen." Die Vorteile der Idee sind bestechend. Mittels aufwendiger Programmierung weiß der Roboter ganz genau, welches Fahrzeug zu welchem Zeitpunkt vollgeladen sein muss - und lädt diese nach einem möglichst effizienten bzw. dem preisgünstigsten Muster innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit. Im Gegensatz zu ähnlichen Konzepten aus der Autoindustrie verfügt der "Chardbo" allerdings nicht über eigene Akkupacks. Stattdessen ist der Roboter direkt mit dem Stromnetz verbunden. Das Gerät selbst kann dadurch kompakter, leichter und vor allem billiger konstruiert werden. Auch Verluste beim Be- und Entladen der internen Akkus sind damit kein Thema. Im Rahmen der Fachmesse IMFS im Oktober am Salzburgring war das Interesse am "Chardbo" bereits enorm. Das größte Potenzial für das systematische Laden sieht Ehsan Zadmard in öffentlichen Parkgaragen oder bei Park-and-ride-Parkplätzen, wo die Elektrofahrzeuge mehrere Stunden lang stehen. Aber auch Autohändler oder die Hersteller selbst werden laut dem Alveri-Gründer in Zukunft ein Thema werden - überall, wo viele E-Autos gleichzeitig geladen werden müssen.

Eine wichtige Rolle kommt laut Firmengründer Ehsan Zadmard dem Laderoboter „Chardbo“ zu. SN/alveri
Eine wichtige Rolle kommt laut Firmengründer Ehsan Zadmard dem Laderoboter „Chardbo“ zu.

Einen internationalen Hype erlebt das Salzburger Start-up spätestens seit der Präsentation der Designstudie "Falco". Diese zeigt das erste in Österreich entwickelte und gebaute Elektroauto, das Alveri spätestens Ende 2023 in Kleinserie auf den Markt bringen möchte. Wenig überraschend hat Ehsan Zadmard auch dafür eine ungewöhnliche Idee: So sieht das Konzept drei grundlegende Lebensabschnitte für das Fahrzeug vor. Nach der Phase als Neufahrzeug soll das Auto im Alter von einigen Jahren binnen kürzester Zeit modernisiert werden, indem Verschleißteile wie Sitzbezüge oder Armaturenelemente durch Neuteile ersetzt werden. Das soll die Gesamtnutzungsdauer und damit die Energieeffizienz von "Falco" massiv verbessern. Am Ende seines Lebenszyklus soll das Elektroauto dann als mobiler Speicher in ein Smart-Grid-Konzept integriert werden.

Aufgerufen am 29.11.2021 um 09:02 auf https://motor.sn.at/news/falco-lebt-112932679

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