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Kleiner Elektro-Seat kommt 2025

Carsten Isensee im SN-Interview über die Zukunftspläne bei der Volkswagen-Tochter. Der Seat-Vorstand für Finanzen und IT setzt große Hoffnungen in die Elektro-Offensive der Spanier.

Herausforderungen ist Carsten Isensee gewohnt. Schließlich war der 59-jährige Deutsche von Januar bis Oktober 2020 und damit am Höhepunkt der Covid-19-Pandemie interimistischer Vorstandsvorsitzender von Seat. Heute ist Isensee als Vorstand zuständig für die Bereiche Finanzen und IT - und gilt damit bei der spanischen Volkswagen-Tochter als wichtigster Mann neben CEO Wayne Griffiths. Im Rahmen der diesjährigen Jahrespressekonferenz in Martorell spricht der erfahrene Automobilmanager über die Herausforderungen und Ziele des Unternehmens, die ambitionierten E-Mobilitätspläne sowie die Vorteile der Zwei-Marken-Strategie von Seat und Cupra.

SN:Herr Isensee, wie schon VW vor einer Woche stand auch bei Seat die Jahrespressekonferenz ganz im Zeichen der Elektromobilität. Darf man davon ausgehen, dass sich Seat/Cupra um eine der sechs angekündigten Giga-Factories zur Herstellung europäischer Batteriezellen bemühen wird?
Carsten Isensee: Vor dem Hintergrund des Green Deals gehen wir davon aus, dass wir bis zum Jahr 2030 bei rund 55 bis 60 Prozent rein elektrischer Neufahrzeuge in Europa liegen werden. Das was wir heute in Europa an Produktionskapazitäten haben, wird in ein paar Jahren aber nicht mehr ausreichen, um die Automobilindustrie mit den entsprechenden Zellen zu versorgen. Deshalb streben wir eine vermehrte Produktion in Europa an, um selbstständiger und autarker zu werden. Die Rolle von Cupra und Seat ist hierbei relativ klar. Wir werden uns in Richtung Elektrifizierung nach vorne bewegen müssen. Und wenn wir langfristig erfolgreich in Spanien Elektrofahrzeuge bauen wollen, dann brauchen wir natürlich eine Giga-Factory in unmittelbarer Umgebung. Die Voraussetzungen dafür sind sehr gut, schließlich gibt es in Spanien zwei Lithium-Minen, die dafür die Basis bilden können. So eine Zellfabrik kostet um die drei bis vier Milliarden Euro. Umso wichtiger ist es für uns, hier gemeinsam mit dem Volkswagen-Konzern und den spanischen Behörden den idealen Standort für die Zellfabrik zu definieren. Das muss nicht notwendigerweise in der Nähe der bestehenden Produktion sein. Für uns ist entscheidend, dass wir die Montage der produzierten Zellen möglichst in unserem Werk in Barcelona machen. Idealerweise müssen die fertigen Batterie-Packages dann nicht mehr übermäßig weit transportiert werden, bis in den Fahrzeugen verbaut werden. Wir werden dafür sorgen, dass die bestehenden Produktionsstandorte mit den dazugehörigen Rohstoff-Clustern versehen werden. Unser Ateca wird heute schon in Tschechien gebaut, im Gegenzug bauen wir hier in Spanien ein Modell für Audi. In diesem Konzernverbund sind wir also auch in Bezug auf die E-Mobilität gut aufgehoben.

SN:Für das erklärte Ziel, Spanien zum E-Mobility-Hub in Europa zu machen, benötigt man allerdings jede Menge Energie - optimalerweise solchen aus nachhaltigen Quellen. Wie sieht es damit in Spanien aus?
Daran arbeiten wir mit Hochdruck. Genau aus diesem Grund gibt es auch eine Absichtserklärung zwischen dem Volkswagen-Konzern, Seat und der Firma Iberdrola (einem spanischem Stromerzeugungs-Unternehmen, Anm.). Der große Vorteil von Spanien gegenüber den meisten europäischen Produktionsstandorten ist, dass an über 300 Tagen im Jahr die Sonne scheint. Erklärtes Ziel ist es, dass wir nachhaltigen Strom, den wir unter anderem aus der Sonnenenergie gewinnen, für die Fahrzeugproduktion nutzen. Wir haben bereits verifizierte Pläne, unseren CO2-Ausstoß innerhalb der kommenden zehn, 15 Jahren bilanziell gegen Null zu reduzieren. Wir erwarten auch von unseren Lieferanten, dass sie grünen Strom dazu verwenden, um die Batteriezellen zu bauen. Und nicht zuletzt erwarten wir das auch für die Charging-Infrastruktur mit der die Fahrzeuge dann geladen werden. Das ist es, was wir unter dem Projekt "Future Fast Forward" zusammenfassen. Um das für die Iberische Halbinsel zu verwirklichen, haben wir alle wichtigen Stakeholder bereits im Vorfeld rechtzeitig informiert und mit an Bord geholt. Wir als Seat sind nur ein Partner eines ganzen Teams.

SN:Wie sieht hier die konkrete Planung aus?
Die Planung dafür läuft bereits eine ganze Weile. Denn für einen wirtschaftlichen Erfolg und eine gesellschaftliche Akzeptanz müssen auch die spanische und europäische Wirtschaft, die spanische Bevölkerung und alle Partner miteingebunden werden. Fakt ist aber: Wenn wir 2025 mit der Produktion von elektrischen Fahrzeugen starten möchten, dann müssen wir im Laufe dieses Jahres mit der Planung fertig werden. Schließlich braucht es einige Jahre, die Giga-Factory aufzubauen, und die betreffenden Fahrzeuge brauchen einige Jahre Vorlauf. Ich gehe davon aus, dass wir bis Mitte dieses Jahres die entsprechenden Freigaben bekommen, um in alle Richtungen starten zu können.

SN:Inwiefern sehen Sie die mittel bis langfristigen Planungen durch die Covid-19-Pandemie in Gefahr?
Wir haben einen konkreten Plan, und diesen werden wir durchziehen. Ein kurzfristiger Rückschlag bei den Verkaufszahlen wird nicht dazu führen, dass wir langfristig unsere Strategien nicht weiter verfolgen. Wir haben im Vorjahr über eine Milliarde in die Entwicklung des neuen Leon investiert, natürlich mussten wir aber zeitgleich Pandemie-bedingt bei den Fixkosten einsparen.

SN:Bei Medienterminen Ihres Unternehmens fällt auf, dass Cupra die Marke Seat mehr und mehr in den Schatten stellt. Bahnt sich hier langfristig ein Rollentausch an? Räumt man Cupra international die besseren Marktchancen ein?
Wir haben mit Seat und Cupra zwei starke Marken in unserem Unternehmen die sich hervorragend ergänzen und unterschiedliche Kunden ansprechen. Wir haben bei Seat in neue Modelle und Motorisierungen investiert, und gleichzeitig unseren Rollout-Plan für Cupra umgesetzt. Wir können finanziell nicht beide Marken gleichzeitig elektrifizieren. Aus diesem Grund fokussieren wir uns mit der Elektro-Strategie auf die höheren Margen-Modelle bei Cupra — bieten aber für Seat ebenfalls nach und nach mehr Plug-in-Hybrid-Modelle an.

SN:Welche Märkte sind für Cupra besonders attraktiv?
Für uns ist es wichtig, dass wir mit Cupra deutlich über jene Märkte hinauswachsen, die wir heute schon mit Seat in Europa oder Lateinamerika ansprechen. Wir sind überzeugt, dass wir mit den aktuellen und kommenden Cupra-Modellen den Zeitgeist treffen. Mit neuen Vertriebsmodellen sollten wir dann auch in der Lage sein, gezielt in weiteren Märkten Kunden zu generieren.

SN:Kann man also davon ausgehen, dass Cupra international vor allem in jenen Märkten aktiv sein wird, wo das Thema Elektromobilität bereits in naher Zukunft eine Rolle spielen wird? Ja, das ist eine unserer Zielsetzungen mit der Marke Cupra.

SN:Mit Seat Mó hat Seat ja eine weitere, elektrische Marke im Angebot. Wie sehen hier die konkreten Pläne aus?
Seat Mó ist eine Geschäftseinheit von SEAT mit der wir die elektrische Mikromobilität in den urbanen Raum bringen und neue Kunden ansprechen wollen. Leider hat uns beim Rollout unserer großen eScooter-Sharing-Offensive die Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber in Barcelona, wo Seat Mó als Sharing-Dienst gestartet ist, wurde es sehr gut angenommen. Nach wenige Monaten hatten über 50.000 Nutzer die dafür entwickelte App heruntergeladen. Das Konzept muss aber mit geringen Kosten funktionieren. Wir haben bereits die Produkte am Start und entwickeln mit unserem Softwareentwicklungszentrum SEAT:CODE unsere eigene Software für diese Systeme. Man generiert einfach Erfahrung über die Urbanität in den großen Citys, das wollen wir nützen. Wir haben Spaß an diesem Projekt, die Kunden nehmen es an. Wir werden sehen, wie wir das weiter ausrollen, beispielsweise über ein Subskription Modell.

SN:Wie weit sind die Pläne bereits fortgeschritten, Seat als Spezialist für Mikromobilität im Volkswagen- Konzern zu etablieren?
Es ist schon unser Ziel, innerhalb des Konzerns eine Art Vorreiterrolle zu spielen. Wir glauben einfach, dass wir mit einer Stadt wie Barcelona den optimalen Nährboden dafür haben, um später dieses Prinzip mit den gemachten Erfahrungen auch in anderen Städten auszurollen — wie gesagt unterstützt von digitalen Plattformen, die wir bei SEAT:CODE gestalten und auch an Dritte weitergeben können. Natürlich gibt es in diesem Bereich eine Verzögerung durch die Pandemie. Wir müssen bis auf weiteres deshalb auf Sicht fahren und sehen, wann wir das in weiteren Städten ausrollen können.

SN:Mit dem Ibiza und dem Arona stehen ja zwei kompakte Modelle für 2021 in der Pipeline. Inwiefern spielt die Elektrifizierung in diesem Segment eine Rolle?
Das ist vor allem eine Kostenfrage. Wenn künftig von einem Net Revenue das Akku-Package rund 60 Prozent ausmachen, dann sind wir heute noch nicht in der Lage, kostendeckend so etwas anzubieten. Aber wir haben ja gerade unsere neues Urban Mobility Car für 2025 angekündigt, mit dem wir das schaffen wollen. Im Prinzip ist das Modell in der Größe eines aktuellen Seat Arona-. Man wird sehen, wie man mit guten Lösungen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg in der Lage sein wird, ab Mitte des Jahrzehnts Fahrzeuge dieser Größenordnung sinnvoll zu elektrifizieren.

SN:Ein weiteres Ziel sieht 20.000 Ladepunkte für E-Autos in ganz Spanien vor. Wie soll das umgesetzt werden?
Alle notwendigen Partner sind mit dem Projekt "Future Fast Forward" bereits mit an Bord. Der spanische Staat wird allein nicht in der Lage sein, genügend Ladesäulen zur Verfügung zu stellen. Das Unternehmen Iberdrola als einer unserer Partner aber sehr wohl. Natürlich brauchen wir schon noch einige Anreize, damit die Elektrifizierung hier in Spanien vorankommt und Kunden auch bereit sind, diese Fahrzeuge zu kaufen. Diese Welle, wie sie in Deutschland und Österreich schon im Rollen ist, fehlt in Spanien noch, wird allerdings in naher Zukunft kommen. Der spanische Staat nimmt das sehr ernst. Wir sehen das als große Chance, diesen wichtigen Schritt jetzt zu machen. Ich denke, die Message ist verstanden und wir ziehen an einem gemeinsamen Strang.

SN:Welche Bedeutung kommt ab 2024 dem neuen Cupra Tavascan zu?
Der Tavascan war seit Monaten unser Traumauto und ein wichtiger Imageträger für die Marke Cupra, der bald in Erfüllung gehen wird. Wir sind zuversichtlich, dass wir ziemlich eng an der Designstudie dran sind bleiben werden. Wir haben viele Studien weltweit gemacht, die bestätigen, dass so ein Fahrzeugdesign dazu geeignet ist, die Marke Cupra von den Marktbegleitern abzuheben und einmal neue Wege zu gehen. Wir denken, dass es das Fahrzeug sein wird, um der Marke Cupra den richtigen Schliff zu geben.

SN:Besteht durch den Tavascan nicht die Gefahr, die Marken zu überdehnen?
Nein, diese Gefahr sehen wir nicht. Wir sind hier als Konzern sehr breit und optimiert aufgestellt und beobachten das Kundenverhalten und die Kundenströme sehr genau. Seat und Cupra generierten als "Eroberungs- Brands" sehr viele neue Kunden, und darauf sind wir sehr stolz.

Aufgerufen am 13.04.2021 um 08:50 auf https://motor.sn.at/news/kleiner-elektro-seat-kommt-2025-101607742

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