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"Ohne Auto gewinne ich Lebenszeit"

Sie ist Österreichs bekannteste Verhaltensbiologin und Mitglied der Science Busters. Im Rahmen der diesjährigen Salzburger Verkehrstage widmet sich Elisabeth Oberzaucher erneut einem ihrer persönlichen Lieblingsthemen: der Mobilität.

Elisabeth Oberzaucher spricht bei den Salzburger Verkehrstagen über die notwendige Neuordnung des öffentlichen Raums. SN/sabine oberzaucher
Elisabeth Oberzaucher spricht bei den Salzburger Verkehrstagen über die notwendige Neuordnung des öffentlichen Raums.

Das menschliche Verhalten im urbanen Raum ist Schwerpunkt der Lehr- und Forschungstätigkeiten von Elisabeth Oberzaucher an der Universität Wien. Im Rahmen der Salzburger Verkehrstage spricht die gebürtige Kärntnerin über die Bedeutung der Mobilität im Lichte der Klimakrise.

Um mit dem Titel Ihres eigenen Vortrags zu starten: Was bedeutet mobil sein eigentlich? Elisabeth Oberzaucher: Unsere moderne Mobilität hat heute nur noch sehr wenig mit dem zu tun, was wir evolutionsbiologisch darunter verstehen. Zum einen tendieren wir als Gesellschaft dazu, unseren Energieaufwand zu minimieren. Wir lassen lieber motorisierte Vehikel die Arbeit erledigen, anstatt unsere Muskulatur zu benutzen. Das führt zu absurden Entscheidungen, wie etwa mit dem Auto ins Fitnessstudio zu fahren und sich dort aufs Laufband zu stellen. Dadurch geht für unser Gehirn das Grundbedürfnis nach Ortsveränderung verloren. Denn je schneller wir uns fortbewegen, desto weniger bekommen wir davon unbewusst mit. Darüber hinaus ist Mobilität vor allem eine Frage der Rollen- und Flächenverteilung und damit auch ein territoriales Problem. Seit der Erfindung des Autos wurden die Menschen bei der Gestaltung des öffentlichen Raums völlig vergessen.

Wie lässt sich dieses Problem lösen? Dazu braucht es keine Überzeugungsarbeit, sondern vor allem Aufklärung. Die weit verbreitete Annahme, dass man grundsätzlich überallhin mit dem Auto fahren können muss, ist einfach falsch. Ein prominentes Beispiel ist die Mariahilfer Straße in Wien: Sogar die kritische Wirtschaftskammer musste mittlerweile eingestehen, dass die Umsätze der Geschäftstreibenden dort seit der Verkehrsberuhigung sogar gestiegen sind.

Gibt es noch mehr positive Auswirkungen? Es kommt zu einer ganz neuen Gleichberechtigung im öffentlichen Raum, wenn dieser auch durch Fußgänger und Radfahrer genutzt werden kann. Es gibt aber auch andere Aufenthaltsqualitäten. Ganz einfach, weil es viel mehr informelle Interaktionen zwischen den Menschen gibt. Das ist extrem förderlich für die Entwicklung einer Stadt oder einer Gemeinde. Wenn man sich zu Fuß begegnet anstatt im Auto, redet man automatisch mehr miteinander. Und eventuell auftretende Problemchen werden dadurch nicht zu echten Problemen.

Es ist also kein Grundgesetz, dass Autofahrer vor allem über Radfahrer schimpfen und umgekehrt? Der größte Teil der Konflikte zwischen den Verkehrsmitteln ist tatsächlich einer Fehlplanung im öffentlichen Raum geschuldet. Oftmals ist die Fahrrad-Infrastruktur so miserabel, dass den Radfahrern gar nichts anders übrig bleibt, als dorthin auszuweichen, wo auch Autofahrer oder Fußgänger unterwegs sind. Sehr viel von diesem Konfliktpotenzial ließe sich vermeiden, indem man die Anzahl der parkenden Autos reduziert. Denn diese stehen im Durchschnitt 23 Stunden am Tag nur herum und nehmen uns unglaublich viel Platz im öffentlichen Raum weg. Aus dieser Perspektive ist der ruhende Verkehr sogar schädlicher als der fließende.

Unsere Städte so umzubauen, dass nicht mehr das Auto, sondern der Mensch im Vordergrund steht, wird allerdings nicht von heute auf morgen möglich sein. Welchen Beitrag kann ich schon heute leisten? Ganz einfach: ab Oktober das neue Klimaticket kaufen. Dadurch schafft man sofort die kognitive Barriere ab, die uns vom Umstieg auf die öffentlichen Verkehrsmittel abhält. Denn mit Bus oder Bahn wird die kognitive Leistung im Prinzip schon vor dem Antritt der Reise erbracht, indem man das Ticket kauft. Sobald man unterwegs ist, ist man viel entspannter, als würde man mit dem Auto fahren. Hinter dem Lenkrad ist man von Anfang bis zum Ende mit Dingen beschäftigt, die das Gehirn belasten.

Und doch empfinden es viele als bequemer, am Morgen ins eigene Auto zu steigen. Auf der anderen Seite kostet ein Auto enorm viel Geld. Und ein großer Zeitfresser ist es sowieso. Ein Pkw tankt, wäscht und serviciert sich ja nicht von selbst. Dazu kommen viele Stunden im Stau oder die stressige Parkplatzsuche vor Ort. Ich persönlich bin wirklich davon überzeugt, dass ich wertvolle Lebenszeit gewinne, weil ich selbst kein Auto besitze. Die zusätzliche Zeit kann ich nutzen, um zu schlafen, zu arbeiten oder zu lesen.

Haben Sie sich noch nie gedacht: Was für ein schönes Auto fährt da? Ich sehe nur Blechkisten, die überall herumfahren und -stehen und viel zu groß sind für das, wofür man sie eigentlich braucht.

Am Land ist die Sache allerdings nicht so einfach. Man muss natürlich auch im ländlichen Raum Lösungen schaffen. Der allergrößte Teil der Bevölkerung hat auch am Land eine alternative Mobilitätslösung innerhalb von 1,2 Kilometern. Und wenn man das Auto nur mehr für die "letzte Meile" braucht, wäre schon viel gewonnen.

Elisabeth Oberzaucher erforscht und lehrt an der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien menschliches Verhalten aus evolutionsbiologischer Sicht. Ihr 2017 erschienenes Buch "Homo urbanus" (Springer Verlag) widmet sich den Auswirkungen des modernen Stadtlebens auf den Menschen.

19. Internationale Verkehrstage

Fachtagung

"Die Kraft des öffentlichen Verkehrs" - unter diesem Motto finden die diesjährigen Salzburger Verkehrstage statt. In der Wissenschaft und in den Medien wird die Transformation der Verkehrssysteme in Richtung Nachhaltigkeit und CO2-Neutralität heftig diskutiert. Im Alltag ist diese Verkehrswende noch wenig spürbar. Die Salzburger Verkehrstage bieten Raum zur Diskussion, Präsentation und Entwicklung neuer Ideen und Lösungsansätze.

WIFI Salzburg

Die 19. Internationalen Salzburger Verkehrstage finden vom 11. bis 12. Oktober 2021 im WIFI Salzburg, Julius-Raab-Platz 2, 5020 Salzburg, statt - selbstverständlich gemäß den aktuellen Coronavorschriften.

Programm und Anmeldung:www.forum-mobil.at/salzburger-verkehrstage

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