Autotest

Die Charmeoffensive - So macht Honda die E-Mobilität schmackhaft

Das Signal ist deutlich: Wenn am pfiffigen Kompakten sogar die klassischen Außenspiegel fehlen, muss geballte Innovation an Bord sein. Im "e" wird das Bremspedal (beinahe) überflüssig.

Eine ordentliche Portion Innovationsgeist mit einem Hauch Reichweitenangst.  SN/behr
Eine ordentliche Portion Innovationsgeist mit einem Hauch Reichweitenangst.

Natürlich ist es kein Gaspedal, aber wer sagt schon im Alltag Strompedal, wenn es um die Temposteuerung eines Elektroautos geht? Hier deutet sich eine ähnliche Entwicklung wie beim Kotflügel an. Die Abdeckungen der Räder eines Autos müssen längst nicht mehr vor aufgewirbeltem Pferdemist schützen, aber der Begriff blieb im Sprachschatz. Besagtes Pedal spielt in Hondas neuem Kompakten mit der kurzen, aber unmissverständlichen Bezeichnung "e" eine große Rolle. Es nimmt dem benachbarten Bremspedal viel von seiner Bedeutung.
"Runter vom Gas", bedeutet im Honda e zugleich die Einleitung eines Bremsmanövers. Dass der Motor eines Elektroautos beim Weiterrollen nach dem Stopp der Stromzufuhr durch seinen Widerstand das Fahrzeug verlangsamt (und der Batterie Ladestrom zuführt), ist nichts Neues. Aber Honda verfeinerte den Ablauf. Die Stärke des Widerstandes ist individuell einstellbar und nach einer kurzen Gewöhnung lässt sich das Auto harmonisch durch den innerörtlichen Stop-and-go-Verkehr bewegen. Mit Hilfe nur des einen Pedals. Die Bremsanlage bleibt stille Reserve.

Die Linienführung des ersten vollelektrischen Honda: Putzig mit einem Hauch von Nostalgie. Ein Charmebolzen. In der Frontpartie mit den Rundscheinwerfern schimmert der Golf I aus dem Jahr 1974 durch. Zufall? Kaum. Eher eine Botschaft. Der Golf I hatte den Grundstein für eine neue Kategorie gelegt - eben für die Golf-Klasse. Der Honda e könnte zu einem Trendsetter der E-Mobilität werden.

Dieser Honda lässt sich flott und präzise um enge Kurven dirigieren (rund neun Meter Wendekreis) und ist mit seinen nicht ganz vier Meter Länge gerade groß genug für die Bewältigung vielfältiger Transportaufgaben. Großes Reisegepäck bleibt allerdings zu Hause. Wir haben es mit einem Stadtauto zu tun. Den Stromanschluss platzierten die Designer selbstbewusst groß und mittig auf der Fronthaube, die keine ist Motorhaube ist. Der Elektromotor sitzt an der Hinterachse. Dank Elektronik führt der Heckantrieb kein Eigenleben. Der "e" bleibt wie ein Flitzer auf der Modellrehnbahn in der Spur. Im Sport-Modus macht alles noch mehr Spaß, hat aber Einfluss auf die Reichweite.

Im Inneren trifft die digitale Armaturenleiste mit drei großen Bildschirm-Einheiten zur Anzeige und/oder Steuerung von Tempo, Reichweite, Navi etc. plus nette Spielereien den Geschmack eines computer-geeichten Publikums. Bei Stillstand vermitteln beispielsweise auf Wunsch zwei der Monitore die Illusion eines eingebauten Aquariums. Klassische Außenspiegel fehlen. Honda transferiert die bisher Luxuxgefährten vorbehaltene Kameralösung in die Kompaktklasse. Die klaren Bilder in den beiden weiteren Monitoren in den Ecken der Leiste überzeugen. Beste Übersicht, keine Anstrengung für die Augen. Gut möglich, dass Außenspiegel in ein paar Jahren allgemein verschwunden sind.
Vor dem ersten Losfahren, fordert das System zur Installation der My Honda App auf. Wer will kann z. B. sein Smartphone ab nun zum Entriegeln der vier Türen verwenden. Auf Knopfdruck ist ein Vertragspartner für Pannenhillfe erreichbar, es gibt Informationen über den Zustand des Fahrzeugs, eine Bewertung des Fahrstils und einiges mehr.

Die Japaner dachten bei der Entwicklung ihres Stromers an Vieles, sparten aber Überlegungen in Richtung Reichweitenrekorde aus. Ihre Marktforscher errechneten, dass für die Mehrzahl der Fahrten die dem Gefährt mitgegebenen 222 km Normreichweite genügen. In der Praxis bleibt es bei unter 200 km, im Winter wird es noch weniger sein. Das ist eine Umsetzung der Erkenntnis: Ein halbwegs erschwingliches Elektroauto, wie wir es heute kennen, wird im Alltag Verbrenner nicht 1:1 ersetzen können. Auch wenn nach dreißig Minuten Laden rund achtzig Prozent der Kapazität errreicht ist bleibt die Frage: Wo finde ich eine Station? Ist sie auch frei? Abgasfreies Autovergnügen findet bis auf Weiteres in der näheren Umgebung der eigenen vier Wände statt. Weiter weg geht es mit dem Zug.

Im Test: Honda e Advance

Antrieb:
Elektromotor (113 kW/154 PS), Drehmoment 315 Nm, Heckantrieb.

Maße/Gewicht:
L/B/H 3894/1752/1512 mm, Leergewicht 1537 kg, zul. Gesamtgewicht: 1878 kg.

Fahrleistungen:

145 km/h Spitze, 0-100 km/h: 9,0 Sek., 18 - 20 kW/100 km, (0 Gramm CO2), Reichweite: max. 222 km (nach WLTP).

Preis:
Testwagen 38.650 Euro, Honda e ab 31.690 Euro (inkl. staatliche Förderaktion).

Was gefällt:
Der Mut zu nicht alltäglichen Lösungen.

Was weniger gefällt:
Die Überlegungen zur Reichweite fahren permanent mit.

Was überrascht:
Wie harmonisch das Fahren mit Einpedalsteuerung vor sich geht.

Perfekt für:
Leute, die vom Elektroantrieb nicht die Fortsetzung ihrer bisherigen automobilen Gewohnheiten erwarten.

Aufgerufen am 05.08.2020 um 09:37 auf https://motor.sn.at/autotest/die-charmeoffensive-so-macht-honda-die-e-mobilitaet-schmackhaft-90759970

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