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Bulli, übernehmen Sie!

Bis 2025 möchte Volkswagen den ID.Buzz zum ersten vollautonomen Serienfahrzeug machen. Trotz enormer technologischer Herausforderungen scheinen selbstfahrende Autos bald möglich.

Freunde klassischer Automobile, die gänzlich ohne Steuerelektronik und Computerchips auskommen, sollten an dieser Stelle möglicherweise aufhören zu lesen. Denn geht es nach Europas größtem Automobilkonzern, so wird der Verkehr auf unseren Straßen schon in wenigen Jahren vollkommen anders aussehen als heute.

Vorbote einer technologischen Revolution

Wie Christian Senger, Bereichsleiter für autonomes Fahren bei Volkswagen Nutzfahrzeuge, im Rahmen einer digitalen Pressekonferenz ankündigte, wird Moia, die Ridepooling-Tochter von VW, ab 2025 vollautonome Varianten des elektrischen Bulli-Nachfolgers ID.Buzz einsetzen. Als erstes Testgebiet wurde Hamburg ausgewählt, wo Moia bereits jetzt zu den größten Sharing-Anbietern zählt.

Wer nun glaubt, dass diese Pläne neben besonders technologieaffinen Computernerds höchstens die Bevölkerung der Hansestadt interessieren sollten, irrt gewaltig. Vielmehr ist die Vorstellung dieses Pilotprojekts der erste Vorbote einer technologischen Revolution, welche unsere Mobilität bereits bis Ende des Jahrzehnts maßgeblich verändern wird. "In den nächsten beiden Produktzyklen, also in den kommenden zehn bis 15 Jahren, wird die Automobilbranche eine Transformation sehen, die unvergleichlich sein wird mit der bisherigen Entwicklung", beurteilt Volkswagen-Vorstandsvorsitzender Herbert Diess den bevorstehenden Wandel zum autonom fahrenden Auto als weitaus größeren Einschnitt als etwa den Umstieg auf die Elektromobilität.

Autonomes Fahren verlangt neue Technologien

Während der Wechsel auf batteriebetriebene Modelle an der grundsätzlichen Art und Weise, ein Auto zu bauen, nur wenig ändert, beginnen bei der Software die echten Herausforderungen für die klassischen Pkw-Hersteller. Tatsächlich ist die Programmierung heutiger Neufahrzeuge bereits dermaßen komplex, dass sie meist in Form in sich geschlossener "embedded systems" von Zulieferern zur Verfügung gestellt wird. Für die Herausforderungen der automobilen Zukunft - der kontinuierlichen Kommunikation mit der Cloud sowie allen anderen Fahrzeugen im Straßenverkehr - sind solche Systeme allerdings nicht geeignet. Ganz zu schweigen von der Bilderkennung und -verarbeitung mittels künstlicher Intelligenz, welche für das autonome Fahren als Grundvoraussetzung gilt.

Um diese Herausforderungen zu stemmen, hat man bei der Nutzfahrzeugsparte von Volkswagen ein eigenes Geschäftsfeld gegründet. Für das notwendige Know-how sorgt zudem die Beteiligung am Unternehmen Argo AI mit Sitz in Pittsburgh, Pennsylvania. Die US-Amerikaner gelten als Vorreiter auf dem Gebiet der Self-driving-Systeme (SDS) und kombinieren bei ihren Prototypen Sensoren und hochauflösende Kamerasysteme. Als Eckpfeiler der Sensorik fungiert die erst kürzlich vorgestellte Lidar-Technik. Diese arbeitet mit einer Wellenlänge von 1400 Nanometern, hat eine Reichweite von bis zu 400 Metern und kann mithilfe einer patentierten Geiger-Technik sogar einzelne Photonen aufspüren. Das hilft vor allem beim Erkennen besonders dunkler Gegenstände: Während weiße Objekte bis zu 80 Prozent des Lichts reflektieren, kann es bei schwarzen Hindernissen nur ein Prozent sein. Immerhin 30 Prozent aller weltweit verkauften Autos sind schwarz.

Ihr deutsches Hauptquartier haben die Spezialisten von Argo AI in München bezogen. So wurde am Münchner Flughafen ein großes Areal für einen speziellen Parcours angemietet, noch in diesem Jahr sollen zudem erste Prototypen des autonomen ID.Buzz auf den Straßen rund um die bayerische Landeshauptstadt unterwegs sein.

München ist damit die siebte Metropole weltweit - und die erste in Europa -, wo selbstfahrende Autos von Argo AI unterwegs sein werden. Für den geplanten Serienbetrieb zielt man auf die Zentren der Großstädte in den USA und Europa. Und das, obwohl diese für die autonomen Systeme als besonders herausfordernd gelten. Der Hauptgrund dafür ist profan: In urbanen Ballungsräumen ist der Bedarf nach flexiblen Transportlösungen ohne eigenes Auto - und damit das Geschäftspotenzial für autonome Ridepooling-Angebote - am größten.

Wie realistisch sind die ambitionierten Pläne von VW?

Für CEO Bryan Salesky ist Sicherheit das oberste Ziel beim autonomen Fahren - sowohl für die Insassen als auch für alle anderen Verkehrsteilnehmer. Laut dem Argo-Chef lernen die Fahrzeuge vollautomatisch, mit den spezifischen Eigenheiten einer Stadt umzugehen. So weiß die künstliche Intelligenz etwa, dass Autofahrer in Miami besonders aggressiv unterwegs sind, während Fußgänger anderswo trotz roter Ampel über die Straße gehen. Sämtliche Erkenntnisse stehen schließlich sämtlichen Fahrzeugen der autonomen Flotte zur Verfügung.

Bleibt die Frage, wie realistisch die ambitionierten Pläne für den autonom fahrenden Bulli-Nachfolger ID.Buzz sind. Schließlich haben einige Unfälle mit teilautonomen Fahrassistenzsystemen das Vertrauen in derartige Fahrzeuge gründlich erschüttert - siehe Tesla, wo man bis dato auf die Lidar-Technik verzichtet. Laut Bryan Salesky ist die nötige Hardware inklusive der dazugehörigen Software bereits vorhanden. Auch Volkswagen-Chef Herbert Diess ist in Bezug auf die technische Entwicklung optimistisch: "Der dafür notwendige Teilstrang der künstlichen Intelligenz entwickelt sich rasend schnell. Wir sehen hier eine Verzehnfachung der Rechnerleistung alle zwei Jahre. Setzt sich dieser Trend weiter fort, so sind wir in sechs Jahren bei der tausendfachen Leistung von heute - und dann kommt man in Dimensionen, wo klar erkennbar wird, dass autonome Fahrzeuge wahrscheinlich möglich werden - und zwar mit erhöhter Sicherheit im Vergleich zu heute."

Aufgerufen am 15.06.2021 um 04:36 auf https://motor.sn.at/news/bulli-uebernehmen-sie-104304667

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