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Die Zukunft des Ladens. Mehr Strom, bitte!

Das Vorstandsduo der E-Control über die Herausforderungen der E-Mobilität.

Elektroautofahrer wünschen sich vor allen Dingen mehr öffentliche Schnellladestationen SN/electriceye - stock.adobe.com
Elektroautofahrer wünschen sich vor allen Dingen mehr öffentliche Schnellladestationen

Laut einer aktuellen Umfrage des europäischen Ladenetzbetreibers New Motion wünschen sich Elektroautofahrer vor allen Dingen mehr öffentliche Schnellladestationen. Aktuell liegt der Anteil der Gleichstromsäulen bei nur neun Prozent. Doch auch beim privaten Laden herrscht massiver Aufholbedarf. Neben den hohen Kosten verhindern vor allem rechtliche Hürden sowie die verzögerte Umstellung auf digitale Smart-Meter-Stromzähler den dringend notwendigen Ausbau der Ladeinfrastruktur. Die beiden Vorstände der E-Control, Alfons Haber und Wolfgang Urbantschitsch, beantworten im SN-Interview drängende Fragen und räumen dabei mit so manchem Vorurteil auf.

Als Nutzer eines E-Autos fühlt man sich angesichts des Wildwuchses von Ladekarten, Tarifen, des Mangels an öffentlichen Schnellladern aktuell ziemlich alleingelassen. Was sagt die E-Control dazu? Wolfgang Urbantschitsch: Von den zuständigen Ministerien gibt es dazu Masterpläne, die sich mit diesen Herausforderungen beschäftigen. Die E-Control fungiert hier in ihrer Funktion als Regulierungsbehörde für die Strommärkte als Schnittstelle. Den erwähnten Wildwuchs könnte man auch als Angebotsvielfalt bezeichnen, denn laut dem Ladestellenverzeichnis gibt es aktuell in Österreich 140 Betreiber von Ladesäulen. Oftmals handelt es sich dabei um die regionalen Energieunternehmen. Aber darüber hinaus gibt es auch eine Vielzahl an Unternehmen, die ihre eigene Infrastruktur ausrollen, darunter Automobilhersteller, Autofahrerclubs, aber auch die Asfinag oder Gemeinden.
Die technischen Möglichkeiten gibt es also, man muss allerdings dem freien Markt die Zeit und die Möglichkeit zur Entwicklung einräumen.

Alfons Haber: Die Betreiber verfolgen natürlich das Ziel, die eigene Infrastruktur bestmöglich auszulasten. Von offizieller Seite regelt eine Richtlinie der EU ganz klar, dass es Kunden grundsätzlich ermöglicht werden muss, die vorhandene Ladeinfrastruktur zu nutzen. Aus Sicht der Autofahrer ist natürlich die Frage: zu welchem Preis? Die Spritpreise sind an Tankstellen entlang der Autobahnen ebenso um bis zu ein Drittel höher und trotzdem gibt es eine Nachfrage. Andererseits gab es in der Vergangenheit auch einen Autohersteller, der den Fahrern eigener Modelle das Laden gratis ermöglicht hat - weil man dadurch Unmengen an unendlich wertvollen Daten gesammelt hat.

Am 25. März 2021 hat das neue Vorstandsduo der E-Control seinen Dienst angetreten. Wolfgang Urbantschitsch (l.) und Alfons Haber stehen damit die nächsten fünf Jahre an der Spitze der unabhängigen Regulierungsbehörde, die sich als Ombudsstelle für Fragen zu Strom oder Erdgas sieht. Haber kehrt nach zwölf Jahren zur E-Control zurück, für Urbantschitsch ist es die zweite Amtszeit. Mehr Infos unter: www.ladestellen.at SN/e-control
Am 25. März 2021 hat das neue Vorstandsduo der E-Control seinen Dienst angetreten. Wolfgang Urbantschitsch (l.) und Alfons Haber stehen damit die nächsten fünf Jahre an der Spitze der unabhängigen Regulierungsbehörde, die sich als Ombudsstelle für Fragen zu Strom oder Erdgas sieht. Haber kehrt nach zwölf Jahren zur E-Control zurück, für Urbantschitsch ist es die zweite Amtszeit. Mehr Infos unter: www.ladestellen.at

Seriöse Studien prognostizieren einen zusätzlichen Strombedarf von rund 15 Prozent, wenn alle heute mit Benzin und Diesel betriebenen Pkw an der Steckdose aufgeladen werden. Welche Maßnahmen sind notwendig, um den Bedarf zu decken? Alfons Haber: 15 Prozent klingt nach extrem viel. In Wahrheit ist der durch die E-Mobilität verursachte Mehrbedarf aber durch den bereits geplanten Ausbau der Strominfrastruktur gut abzudecken. Das liegt vor allem daran, dass sich das Ladeverhalten bei Elektroautos in den kommenden Jahren massiv verändern wird. Das Lademanagement der Fahrzeuge wird immer intelligenter, hier kommt teilweise bereits künstliche Intelligenz zum Einsatz. Dazu kommt, dass bei Weitem nicht jedes Auto jeden Tag eine Vollladung benötigen wird. Die durchschnittlichen 30 Kilometer, die in Österreich täglich gefahren werden, sind absolut machbar. Und auch die Hersteller empfehlen ja im Sinne der Akkupflege, diese möglichst häufig und in kleinen Schritten zu laden.

Wo orten Sie aktuell die größten Hindernisse beim Ausbau der privaten Ladeinfrastruktur in Garagen, Tiefgaragen und Carports? Wolfgang Urbantschitsch: Der größte Handlungsbedarf besteht im Bereich des rechtlichen Rahmens. Was dringend benötigt wird, ist eine Hilfestellung durch das Wohnrecht. Diese Angelegenheit wird derzeit im Justizministerium behandelt. Konkret geht es hier um die zu klärenden Fragen beim Laden in Mehrparteienhäusern. Was ist notwendig, wer ist zuständig, wie verrechnet man die Kosten weiter? Auf der anderen Seite haben die Arbeitgeber großes Potenzial. Eine aktuelle Umfrage hat ergeben, dass derzeit rund 20 Prozent der Strommenge für E-Autos am Arbeitsplatz nachgeladen werden. Die Unternehmen leisten hier einen wertvollen Beitrag. Diese Leistungen werden auch zunehmend als Benefits verpackt sein, um als attraktiver Dienstgeber wahrgenommen zu werden.

Alfons Haber: Die bevorstehende Reform des Mietrechts wird den Ausbau der privaten Wallboxen sicher massiv erleichtern. Wir sind grundsätzlich sehr optimistisch, dass in den kommenden Jahren die für das Laden zu Hause notwendigen Leistungen von 3,6 Kilowatt sehr gut ausgebaut werden können. Ich bin mir sicher, dass es sogar zu einem regelrechten Run darauf kommen wird, nicht zuletzt aufgrund der möglichen Förderungen.

Aus Ihrer Sicht reicht die bestehende Leistung der Netze und der Haushaltsanschlüsse also aus? Alfons Haber: Die Stromabnehmer werden verstärkt dazu animiert, ihre Bedürfnisse zu vergleichmäßigen. Für den Löwenanteil reicht es vollkommen aus, ein E-Auto über Nacht mit 3,6 Kilowatt zu laden. Das zugrunde liegende mathematische Modell ist jenes der Gleichzeitigkeit. Wenn jeder in Österreich zeitgleich anstecken würde, dann hätten wir ein Problem. Doch das wird nicht passieren. Ebenso, wie nicht alle Bewohner einer Stadt gleichzeitig dieselbe Straße befahren oder alle zur selben Zeit eine Suchanfrage bei Google stellen.

In Berlin gibt es ein Start-up, das die Straßenbeleuchtung als Ladeinfrastruktur für klassische Laternenparker nutzen möchte. Sehen Sie darin eine Lösung für Nutzer ohne eigene Immobilie? Wolfgang Urbantschitsch: Ehrlich gesagt sehe ich das Geschäftsmodell dahinter nicht. Viel wahrscheinlicher ist, dass sich jemand finden wird, der die Straßen aufgraben, die Infrastruktur anbieten und damit Geld verdienen wird. Dazu liegt in Berlin der Anteil der Laternenparker bei 80 Prozent, das ist in Österreich nirgendwo der Fall.

Wie weit liegen Lösungen wie bidirektionales Laden und "Power to Car" in der Zukunft? Alfons Haber: Das bidirektionale Laden mag in der Theorie funktionieren, in der Praxis müssten sich die Anbieter mit einer Vielzahl potenzieller Risiken auseinandersetzen. Was passiert bei einem Notfall, etwa wenn man schnell ins Krankenhaus muss und das E-Auto ist gerade leer? Auf jeden Fall wäre es ein massiver Komfortverlust für E-Auto-Fahrer. Daher halte ich es auf absehbare Zeit für unrealistisch. Mehr Potenzial bietet das Thema Smart Home inklusive einer PV-Anlage.


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