News

Nachtzüge als Zukunftschance - Europa über Nacht entdecken

Österreich ist in Europa führend im Segment der Nachtreisezüge.

Woran denken Sie bei Begriffen wie "Schlafwaggon" oder "Nachtzug"? Bis vor wenigen Monaten wären Kindheitserinnerungen oder möglicherweise die ein oder andere berühmte Filmszene wohl die häufigsten Antworten gewesen. Dann kam Greta Thunberg. Im Jänner fuhr die junge Klimaaktivistin sage und schreibe 65 Stunden lang mit dem Zug ins schweizerische Davos zum dortigen Weltwirtschaftsforum und wieder zurück. Keine zwölf Monate später ist das Problem des Klimawandels zwar nach wie vor ungelöst, doch zumindest im Bereich der Bahnreisen bahnt sich eine kleine Revolution an.

Denn noch bis vor wenigen Jahren galten Nachtzüge quer durch Europa als Auslaufmodell - mehr noch: als antiquiertes Überbleibsel aus einer anderen langsameren Zeit. Doch seit "Fridays for Future" und dem Phänomen "Flugscham" kommt es in immer mehr europäischen Ländern zu einem Umdenken. Während die Schweizerische Bundesbahn das Geschäft mit klassischen Nachtzügen bereits 2009 eingestellt hatte und die Deutsche Bahn seit 2016 zumindest keine eigenen Schlaf- und Liegewagen mehr im Angebot hat, scheint ein Comeback auf breiter Ebene nun wahrscheinlicher als je zuvor.

Der Zeitgeist spricht für den Nachtzug

Stichwort Klimaschutz:
Weil der ÖBB-Nightjet zu 100 Prozent mit grünem Bahnstrom fährt, verursacht ein Fahrgast dort 31 Mal weniger klimaschädliches CO2 als bei einem Flug auf der gleichen Strecke. Doch nicht nur ökologische Kriterien spielen beim unverhofften Comeback des Nachtzugs eine Rolle. Vor allem auf kürzeren Strecken in Europa sieht sich die Bahn als echte Konkurrenz zum Fliegen. Erst recht, wenn man die Ab- und Anreise zum Flughafen und die obligatorischen Abfertigungsprozesse, Sicherheitskontrolle und Wartezeiten einberechnet, sind Zugverbindungen oftmals gleich schnell wie ein Flugzeug. Vor allem klassische Zubringerflüge wie etwa zwischen München und Wien, Frankfurt und Paris oder Hamburg und Kopenhagen könnten durch die Renaissance der Schiene Konkurrenz bekommen.

Das klare Bekenntnis zum Nachtzug könnte für die ÖBB nun zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden. Seit die Deutsche Bahn 2016 ihr eigenes Angebot eingestellt hat, fahren österreichische Züge jede Nacht quer durch unser größtes Nachbarland, Strecken wie Hamburg-Wien oder Berlin-Zürich sind gut gebucht. Tatsächlich sind die ÖBB in den letzten Jahren zu Europas größtem Anbieter von Nachtreisezügen aufgestiegen. Pro Jahr werden rund 1,4 Millionen Passagiere befördert, Tendenz steigend. Aktuell betreiben die ÖBB 18 eigene Verbindungen, rechnet man jene hinzu, die gemeinsam mit Partnern angeboten werden, sind es sogar 26. Und geht es nach den europäischen Partnern, sollen es schon bald mehr werden.
Sowohl die Deutsche Bahn als auch das Pendant aus der Schweiz sind an einem Ausbau der Kooperationen mit den ÖBB interessiert. Konkrete Gespräche auf Vorstandsebene finden bereits statt. Um für die kommenden Herausforderungen gerüstet zu sein, sind die ÖBB auch bereit, stärker als bisher in das Nachtzuggeschäft zu investieren: Bei Siemens wurden bereits 13 neue Züge bestellt, die ab Frühjahr 2022 ausgeliefert werden. Die nächste Generation der Schlafwagen soll unter anderem sogenannte Minisuites bieten. Diese von innen versperrbaren Schlafkapseln sollen Alleinreisenden mehr Komfort und vor allem Privatsphäre bieten. Doch auch klassische Familienabteile sind weiterhin geplant. Standardabteile sollen künftig eine Dusche und eine eigene Toilette umfassen. Neu ist auch kostenloses WLAN, das im Fernverkehr bisher auf Railjets beschränkt war.

Neue Nightjet-Verbindung nach Brüssel

Bereits ab der Umstellung auf den ÖBB-Fahrplan 2020 sind neue Nightjet-Verbindungen geplant: Den Anfang macht im Jänner die Strecke Wien-Brüssel, ein Jahr später ist die Verbindung Wien-Amsterdam geplant. Sogar eine nächtliche Verbindung bis nach Schweden ist laut ÖBB-Chef Andreas Matthä nicht uninteressant. "Reich wird man mit dem Segment Nachtzüge nicht, aber für die Positionierung des Unternehmens ist das sehr wichtig." Da die Züge in Österreich gewartet werden müssen, ist die zielgenaue Konzipierung der Strecken Grundvoraussetzung für den profitablen Betrieb. Strecken fernab Österreichs wie Barcelona-Amsterdam seien deshalb weniger sinnvoll als Berlin-Brüssel.

Quelle: SN

Aufgerufen am 05.08.2020 um 10:13 auf https://motor.sn.at/news/nachtzuege-als-zukunftschance-europa-ueber-nacht-entdecken-80746972

Kommentare

Schlagzeilen